Deutschland mit nigerianischen Augen
Kulturschock gefällig? Als Dogara Manomi 2016 von Nigeria nach Deutschland kam, blieb es nicht bei einem. Scheinbar harmlose Alltagssituationen enthüllten teilweise große und kleine Unterschiede, die es in sich hatten. Von zehn dieser prägnanten Situationen und seiner interkulturellen Lernreise berichtet er in seinem Blogbeitrag.
Meine Reise von Jos in Nigeria nach Mainz in Deutschland im Mai 2016 war für mich der Beginn einer tiefen interkulturellen Erfahrung. Und zugleich mein erster Aufenthalt außerhalb meines Heimatlandes. Dabei fielen mir einige kulturelle Unterschiede auf, die mir in Deutschland begegnet sind – manche leise, manche sehr deutlich.
© Foto: Daniel Clay/unsplash | Interkulturalität bedeutet, die Vielfalt menschlicher Lebensweisen zu erkennen.
Meine Beobachtungen sind individuell, zeigen aber grundlegende Muster, die viele Menschen bei der Anpassung an eine neue Kultur erleben. In diesem Text verbinde ich daher persönliche Erfahrungen mit interkulturellen Reflexionen, mit dem Wunsch, Verständnis, Resilienz und gegenseitigen Respekt in unserer vernetzten Welt zu fördern.
Ich bespreche hier zehn Situationen, in denen ich interkulturelle Unterschiede und sogar manchen „Kulturschock“ erlebt habe, und erläutere jeweils die Hintergründe und ihre Wirkung.
Hinweis: Diese Beobachtungen sind keine Wertungen und stellen auch nicht „die deutsche“ oder „die nigerianische“ Kultur insgesamt dar. Jede Kultur ist vielfältig, und was ich als „typisch deutsch“ erlebt habe, kann in Nigeria vorkommen, und umgekehrt. Mir geht es ausschließlich um interkulturelles Lernen.
„Wo liegt das Problem?“
1. Unterschiedliche Vorstellungen von Not und Leid
In Nigeria sind die meisten Alltagsprobleme materieller oder körperlicher Natur: fehlendes Essen, unbezahlbare Krankenhausrechnungen, Schulgebühren, der Tod einer*eines Angehörigen durch schlechte Gesundheitsversorgung oder Gewalt. Wer Nahrung, Wohnung und Zugang zu medizinischer Versorgung hat, gilt oft in Nigeria als jemand ohne „wirkliche“ Probleme. In Deutschland war ich überrascht, wie viele Menschen über psychische oder emotionale Probleme sprechen: Stress, Angst, Überforderung durch Prüfungen, Liebeskummer, Unsicherheit im Beruf.
Anfangs konnte ich das schwer einordnen. Warum fühlt sich jemand überlastet, die*der doch scheinbar alles Lebensnotwendige hat? Mit der Zeit verstand ich: Leid hat viele Gesichter, und kulturelle Bedingungen prägen, was wir als problematisch erleben. In Deutschland rücken durch die materielle Sicherheit vor allem seelische Bedürfnisse in den Vordergrund, und der offene Umgang damit hat meinen eigenen Blick auf menschliche Not erweitert.
„Was für ein Gottesdienst ist das?“
2. Erwartungen an religiöse Ausdrucksformen
Mein erster Sonntag in Deutschland brachte sofort einen Kulturschock. Ich trug mein bestes Outfit und hielt meine große Bibel sichtbar in der Hand. Auf dem Weg zur Kirche bemerkte ich neugierige Blicke. Später erklärte mir ein Mitstudent, dass solch offene religiöse Zeichen in Deutschland eher ungewohnt sind. Im Gottesdienst fiel mir auf, dass kaum jemand eine physische Bibel dabeihatte. Die Texte standen im Programmheft oder auf einer Leinwand. In meiner nigerianischen, ländlichen Prägung hätte das als geistliche Nachlässigkeit gegolten.
„Welcher Religion gehörst du an?“
3. Zwischen privater und öffentlicher Glaubensidentität
In Nigeria spielt Religion im Alltag eine große Rolle. Oft ist eine der ersten Fragen, welcher Konfession oder Gemeinde jemand angehört. Name, Kleidung oder Akzent verraten häufig die religiöse Zugehörigkeit. In Deutschland dagegen gilt Religion als privates Thema. Einmal fragte ich einen Kollegen an der Universität nach seinem Glauben. Er antwortete höflich, wirkte aber sichtbar unwohl – ebenso wie eine weitere Kollegin. Später erklärte mir die Kollegin, dass solche Fragen als zu persönlich gelten.
Diese Erfahrung lehrte mich, Religion in Deutschland sensibel und respektvoll anzusprechen und nur, wenn ein Gegenüber das Gespräch wirklich möchte. Also, man muss immer die Situation und die Stimmung erkennen und bewerten, bevor man über Religion in Deutschland spricht. Das Englische kennt eine wunderbare Formulierung hierfür: „read the room“.
„Wie alt bist du?“
4. Informationsfrage oder Frage nach Respekt?
In Nigeria gilt die Frage nach dem Alter – besonders bei Jüngeren – als unhöflich. Alter bedeutet Respekt, und man fragt nicht danach.
In Deutschland schien das Alter keine besondere Bedeutung zu haben. Menschen sprachen offen darüber, auch Jugendliche fragten mich direkt: „Wie alt bist du?“
Ich musste lernen, dass die Frage hier in Deutschland keine soziale Hierarchie ausdrückt, sondern oft reine Information und Neugierde ist.
„Schämen die sich nicht, sich öffentlich zu küssen?“
5. Öffentliche Zuneigung
In Deutschland war ich überrascht, wie selbstverständlich Paare sich in der Öffentlichkeit umarmen oder küssen – im Park, an der Bushaltestelle oder sogar im Gottesdienst. Komme ich doch aus einem eher konservativen nordnigerianischen Umfeld, in dem solche Gesten als unangemessen gelten, besonders in Gegenwart Anderer oder in der Kirche.
Mit der Zeit lernte ich, diese Offenheit als kulturelle Ausdrucksform zu sehen, die nicht respektlos gemeint ist.
„Warum sprechen die nicht miteinander?“
6. Zurückhaltende Sozialkontakte
Schon nach wenigen Tagen in Deutschland fiel mir auf, wie still Menschen in Bus und Bahn sind. Ich versuchte oft, Small Talk zu beginnen – meist ohne Erfolg. Anfangs fragte ich mich, ob das an meiner Hautfarbe, meinem Akzent oder meiner Sprache lag.
Doch es stellte sich heraus: Deutsche sind im öffentlichen Raum eher reserviert. Privatsphäre ist wichtig. In Nigeria dagegen entstehen Gespräche mit Fremden leicht – und manchmal sogar Freundschaften.
„Es gefällt mir (nicht)!“
7. Individualismus und Gemeinschaft
In Deutschland stehen persönliche Freiheit, Individualrechte und Selbstbestimmung stark im Vordergrund. Anfangs empfand ich das als egozentrisch, etwa wenn Menschen im Bus oder Zug Plätze mit Taschen freihalten oder nicht automatisch Älteren ihren Sitz anbieten. In Nigeria leben Menschen stärker gemeinschaftlich. Beziehungen bleiben oft bestehen, auch ohne persönlichen Nutzen. Man fühlt sich füreinander verantwortlich.
Heute erkenne ich die Vorteile beider Sichtweisen: klare Grenzen auf der einen Seite, solidarische Gemeinschaft auf der anderen.
„Objektives Wissen?“
8. Europäische und afrikanische Wissensformen
Durch Kolonialgeschichte und Bildungsstrukturen gilt westliches Wissen oft als „objektiv“, afrikanisches dagegen als „subjektiv“. Ich habe mehrmals erlebt, dass Deutsche meine Beschreibungen der Situation in Nigeria infrage stellten – meist auf Basis von Büchern, Fernsehnachrichten oder kurzen Reisen nach Afrika.
Manchmal schien es, als wüssten sie besser über mein Land Bescheid als ich selbst. Umgekehrt würde ich nie behaupten, mehr über Deutschland zu wissen als eine deutsche Person. Dieses Missverhältnis empfinde ich als Erbe des Kolonialismus, das den Dialog erschwert.
„Wie viel Grad habt ihr in Nigeria?“
9. Genauigkeit, Messung und Orientierung
Viele Deutsche waren erstaunt, dass ich die Temperaturen in meiner Heimat nicht in Grad angeben konnte. In Nigeria spricht man eher allgemein: „Es ist warm“ oder „Es ist kalt“.
Ähnlich ist es mit Karten. In Nigeria fragen viele einfach Menschen nach dem Weg; Menschen sind die Karten. Deutsche gaben mir oft eine gedruckte Karte, mit der ich mich eher verlaufen habe.
Auch in Zahlenfragen gibt es Unterschiede. Menschen in Deutschland möchten oft genaue Angaben: Uhrzeit, Teilnehmendenzahl, Projektdetails. In Nigeria sind Schätzungen üblich. Man sagt, „wir waren etwa zehn“, auch wenn es genau zehn waren.
Diese Unterschiede machen Gespräche manchmal schwierig – aber auch bereichernd.
„Du bist fülliger geworden!“
10. Kompliment oder Beleidigung?
In meiner Heimat gilt Gewichtszunahme als Zeichen von Wohlstand und Gesundheit. Zu sagen, „du hast zugenommen, du genießt das Leben“ ist ein nettes Kompliment. Als ich diese Art von Lob einmal einer jungen Frau in Deutschland machte, war sie tief verletzt. Ich musste mich entschuldigen und habe seitdem verstanden, dass hier andere Vorstellungen von Körperbild und Wertschätzung gelten.
Schlussgedanke
Diese Erfahrungen haben meinen Blick auf Deutschland, Nigeria und auf mich selbst erweitert. Interkulturalität bedeutet nicht, die eigene Kultur aufzugeben, sondern die Vielfalt menschlicher Lebensweisen zu erkennen, zu würdigen, und daraus zu lernen. Wer offen lernt und bereit ist, kulturelle Vielfalt und Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Geschenk zu sehen, entdeckt eine Welt voller neuer Einsichten und Möglichkeiten.
Dogara Ishaya Manomi
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Wer ist eigentlich „Wir“ – Identität und Nation in Nigeria
Am 1. Oktober 1960 wurde in Lagos zum ersten Mal die Nationalflagge Nigerias gehisst – Symbol für Freiheit, Einheit und Hoffnung. Doch 65 Jahre später ist Nigeria ein Land voller Spannungen: zwischen Arm und Reich, Christ*innen und Muslim*innen, über 250 Ethnien und vielfältigen kulturellen Traditionen. Wie entsteht in einem solchen Vielklang eine nationale Identität? Welche Rolle spielen Religion und Geschichte in diesem Ringen um Zugehörigkeit und Selbstverständnis? Und was hat Mission damit zu tun? Darüber spricht Host Tanja Stünckel mit Dogara Manomi, Theologisch-Pädagogischer Mitarbeiter im Evangelischen Bildungszentrum Bad Bederkesa, der sich in seiner postdoktoralen Forschung intensiv mit Fragen nigerianischer Identität beschäftigt hat.
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