Ein Altar bekommt Kirchenasyl – Ökumenisches Friedhofsleuchten aus der ewigen Stadt

Im November 2025 passiert in Rom etwas Besonderes: Ein Altar aus Naumburg an der Saale bekommt „Kirchenasyl“. Etwa zwei Jahre lang wird der Cranach-Triegel-Altar hier bleiben. Ein Zeichen ökumenischer Strahlkraft, findet Leander Knoop. In seinem Blogartikel beschreibt er, wie er die Begrüßungsfeierlichkeiten erlebt hat.

Es ist 16:58 Uhr, der Security-Check ist geschafft, der Schweizer Gardist weist mir die Richtung entlang der Mauer des Petersdoms unter Roms schwarzem Nachthimmel zur Inschrift Campo Santo Teutonico und ich gehe rein, in das Funkeln roter Lichter, sie tauchen überall im Innenhof zwischen alten Grabsteinen und grünen Bäumen auf. Als ich bei der Friedhofskapelle Santa Maria della Pietà ankomme, klingt bereits die Orgel und der Raum ist gefüllt mit Menschen, das bedeutet Stehen. Während der erste Redner spricht, werde ich von der Seite angesprochen, ich könne mich setzen, sie hätte noch einen Stuhl für mich. „Tatsächlich?“ – „Tatsächlich!“ schmunzelt sie und räumt ihre Noten beiseite und reicht mir den Stuhl – ich kann das Glück nicht fassen, das mir die nächsten 90 Minuten bequemer machen wird.

Funkelnde Grablichter werden zu ökumenischem Friedhofsleuchten. © Foto: Vitalii Onyshchuk/unsplash | Funkelnde Grablichter werden zu ökumenischem Friedhofsleuchten.

Mit Äxten haben die Metzgerhorden den Marienaltar im Bildersturm 1541 zerhackt, heißt es, und genau deshalb bin ich hier, denn ich will wissen, was es mit dem Cranach-Triegel-Altar auf sich hat, der die Öffentlichkeit in Aufregung versetzt und die Denkmalschutzbehörde drohen lässt, dem Naumburger Dom (Saale) den UNESCO-Weltkulturerbetitel aberkennen zu lassen. Es geht um einen Altar, den einer der bedeutendsten deutschen Künstler*innen, Lukas Cranach der Ältere, 1517-19 für den Westflügel des Naumburger Doms malte und dessen erhalten gebliebene Altarflügel durch den Leipziger Künstler Michael Triegel 2020-22 eine neue Mitteltafel erhalten haben.

Es wird weiter der Konflikt geschildert, durch den dieser Altar hier auf dem Campo Santo nun für zwei Jahre „Kirchenasyl“ erhalten hat. Da spüre ich die Blicke von Burkhard Scheffler, Dietrich Bonhoeffer, Elisabeth von Thüringen und Maria im Rücken. Ein Glanz strahlt mir entgegen und ich spüre, wie ich hineinsinke in die ausdrucksstarken Gesichtszüge und Details: Walderdbeere, Buchfink und markante Hände. Die abgebildeten Menschen sehen weniger aus wie perfekte Idealtypen, sondern wie die Mitmenschen, denen ich auf der Straße begegne, ganz normal. Aber sie alle seien Heilige. Manche kann ich nicht identifizieren. Doch Dietrich Bonhoeffer und die Jungfrau Maria erkenne ich schnell, auch die Symbolik bei Elisabeth von Thüringen mit den Rosenblättern, Paulus in der Kleidung eines gesetzestreuen Juden oder Petrus mit dem Himmelsschlüssel – Burkhardt Scheffler – sind einleuchtend.

Ein stummer Dialog

Dem Felsen der Nachfolgenden Christi, dem Petrus, leiht ein deutscher Obdachloser sein Erscheinungsbild: Burkhard Scheffler. Er ist heute auf dem Campo Santo beerdigt in Nachbarschaft des traditionellen Petrusgrabs unter dem Petersdom. Scheffler erfror zehn Tage vor dem Nikolaustag 2022 unter den Kolonaden des Petersdoms im reichen Europa. Diesen Mann von der Straße hätten wir genauso vergessen wie all die Anderen, doch sein Schicksal erwärmte das Herz des verstorbenen Papstes Franziskus, der ihn zu seinem Tode beim sonntäglichen Angelusgebet bei seinem Namen nannte. Hier schaue ich, wie er im Kreis der Heiligen an der Seite des Retters der Welt, des Kindes, steht. Dieser nackte, frisch geborene Säugling, dessen Augen mich noch unfixiert anblicken. Ich habe den Eindruck, dass seine Mutter ihn mir reichen will, sodass ich dieses Baby namens Jesus aus dem Dorf Nazareth, aus der ländlichen Region Galiläa, wo alle sich kennen, südlich des Sees Genezareth, selbst in den Armen halten soll.

Vor dem Kind liegt noch sein ganzes Leben. Die wenigen Jahre in seinen Dreißigern, in denen er an die Öffentlichkeit tritt, lesen wir in den vier Evangelien. Ich wende mich um und schaue über die vielen Gäste hinweg an das andere Ende der Kirche. Dort steht der eigentliche barocke Altar der Kirche Santa Maria della Pietà am Campo Santo Teutonico. Der hauseigene Altar der Kirche zur schmerzhaften Mutter Gottes ist ein Wanderaltar, dem nun für zwei Jahre ein neuer Pilger gegenübergestellt ist. Kein unschuldiger Säugling ist dort abgebildet. Ich blicke auf einen blassen, toten, von Qualen erzählenden Leichnam, der von seiner Mutter betrauert wird. Dieselbe Maria und derselbe Jesus. In beiden Altarbildern finden sich auch dieselben Begleiter: Petrus und Paulus, Maria von Magdala, Anna, genauso wie je andere Personen. Zwei Szenen von Mutter und Sohn, ganz anders, bleiben voreinander stehen und halten schweigend inne. In diesem stummen Dialog erschaffen die beiden Kunstwerke einen neuen Raum in dieser schlichten Backsteinhalle.

Zwischen Leben und Tod

Mittendrin sind wir Menschen versammelt. Zwischen Leben und Tod sitzen wir Hörenden und Betrachtenden. Über uns hängt am Kreuz der Gekreuzigte, das Paradoxon, wahrer Mensch und wahrer Gott, der Christus – 1700 Jahre Nizäa Ökumene. Unter uns ist Friedhof. Hier sind die Armen und die Reichen, die Zugezogenen und die hier Geborenen in letzter Ruhe versammelt. Der deutsche Friedhof Roms hat einen freien und einen überdachten Teil. Ohne Dach, wo die roten Kerzen zu Allerseelen leuchten, mit Dach, wo in der Gegenüberstellung von Jesus und Maria ein neuer Raum der Begegnung geschaffen wurde. Zwei Altäre, zwei Fenster, in die ich hineinblicke in die Erzählung eines anderen Menschseins, zwei Fenster, die in diese Backsteinhalle ihr Licht werfen. Hier auf dem Campo Santo hat der Cranach-Triegel-Altar seine vorläufige Bleibe gefunden.

Als ich später auf dem Weg nach Hause durch die roten Lichter des Campo Santo gehe, wirkt in mir eine Veranstaltung nach, bei der Katholische und Evangelische einen gelungenen ökumenischen Abend veranstalteten, ohne Polemik und in Wertschätzung, bewusst um die Anliegen des Gegenübers und die gemeinsame Geschichte. Kurzweilige, gehaltvolle Beiträge gepaart mit Musik und Meditation ließ uns begeistert um die Kunst versammeln und ein Werk zweier Künstler kennenlernen, die in ihrer jeweiligen Zeit aufmerksame Beobachter, sensible Wahrnehmer und von einem tiefen Verständnis für den Glauben erfüllt waren und sind. Liegen zwar zwischen Naumburg und Rom 1.400 Kilometer und hat die Geschichte ihre Wunden in der Beziehung von Protestant*innen und Katholik*innen hinterlassen, bin ich dankbar für die geisterfüllte Ökumene dieses Abends.

Spirituelles Zwiegespräch

Nicht nur auf gemeindlicher und persönlicher Ebene besteht schon Gemeinschaft, sondern auch im offiziellen Dialog wird mehr und mehr zueinander gefunden, wie in dem Dokument von 2017 „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ als auch der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ von 1999. Das ist eine nicht selbstverständliche Entwicklung, denn nicht nur in Politik und Weltgemeinschaft entsteht der Eindruck von zunehmender Unversöhnlichkeit und Trennung, sondern auch in der weltweiten Ökumene nehmen die Herausforderungen vielfältig zu.

Umso mehr ist Rom auch und gerade für evangelische Christ*innen eine lohnende Reise wert. Wie Dietrich Bonhoeffer 1924, beeindruckte schon Martin Luther 1511 die ewige Stadt. Diesen Herztheologen, der nach demselben Lifestyle wie der neue Papst Leo XIV. lebte, der Ordensregel des Heiligen Augustins. Zwischen der Hochschule der Augustiner und dem Petersdom befindet sich der Cranach-Triegel-Altar auf dem Campo Santo Teutonico noch bis zum Herbst 2027 und lädt zum spirituellen Zwiegespräch ein.

Leander Knoop


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