Wenn das Internet verstummt – Verbunden bleiben im Krieg

Drei kleine Hinweise auf dem Bildschirm – „Zuletzt online“ – und dann Stille. Seit Beginn der Angriffe auf den Iran ist der Kontakt zu Freund*innen abgebrochen. Was bleibt, sind Fragen, Sorgen und die Hoffnung, dass sie noch leben. In ihrem persönlichen Bericht erzählt Kirsten Wolandt von der Ohnmacht, nicht helfen zu können – und von einer Verbindung, die stärker ist als jede unterbrochene Internetleitung.

Zuletzt online am 28 Februar, 07:27. Zuletzt online am 28. Februar, 05:57. Zuletzt online am 28. Februar, 12:35 – die Uhrzeit variiert, doch der Tag bleibt immer derselbe: Es ist der Tag des Angriffs von Israel und den USA auf den Iran. So oft ich auch nachschaue auf den WhatsApp-Konten meiner Freund*innen im Iran: Seit Beginn des Krieges ist kaum noch jemand online gewesen. Das Regime hat das Internet gekappt.

Das Internet als Verbindung zur Welt – für viele im Iran seit Wochen nicht erreichbar. © Foto: Alena Lavrova/unsplash | Das Internet als Verbindung zur Welt – für viele im Iran seit Wochen nicht erreichbar.

Am 28. Februar bekam ich kurz vor 8 Uhr morgens noch eine Nachricht aus Teheran „Der Krieg hat angefangen“. Ich schrieb kurze Nachrichten an die Menschen, die mir wichtig sind – seitdem habe ich, bis auf wenige Ausnahmen, nichts mehr von ihnen gehört. Wie es ihnen gehen mag nach Wochen andauernder Angriffe, ohne Schutzräume? Die Bilder, die ich in den westlichen Medien aus dem Land sehe, sind spärlich, und sie zeigen ganz sicher nicht das wahre Ausmaß der (auch zivilen) Schäden.

Die Unmöglichkeit zu erfahren, wie es den Menschen geht, die man kennt, zermürbt einen. Das geht nicht nur mir so, die ich doch nur für einige Zeit im Land gelebt habe, sondern mehr noch all denen, die Familienangehörige dort haben. Und zugleich frage ich mich, wie sich die Situation für die anfühlt, die im Land leben. Fühlen sie sich alleingelassen? Was erwarten sie von mir und von der Welt außerhalb? Ich frage mich, wie man in Verbindung bleiben kann in Kriegszeiten, wenn alle gewohnten Wege des Kontakts zerstört sind.

Ungewissheit und Ohnmacht zermürben

Ich denke an Schwester Clara. Die katholische Ordensschwester lebt mitten im Zentrum Teherans und leitet ein kleines Altenheim, das die deutschsprachige evangelische Gemeinde, für die ich in Teheran als Pfarrerin gearbeitet habe, regelmäßig besucht und unterstützt hat. Schwester Clara ist eine starke, mutige und selbstbewusste Frau. In ökumenischer Weite und Selbstverständlichkeit tut sie das, was sie für richtig hält – nämlich an der Seite derer zu stehen, die Hilfe brauchen. Vermeintliche konfessionelle und religiöse Grenzen halten sie dabei nicht auf. Unser letzter WhatsApp-Kontakt war Ende Januar nach den gewaltsam niedergeschlagenen Januarprotesten, bei denen zehntausende Menschen getötet wurden.

Ich frage mich jeden Tag, ob sie die Bombardierungen bislang unbeschadet überstanden haben. In direkter Nachbarschaft zum Altenheim gibt es Einrichtungen von Justiz und Polizei – vielleicht ist doch ein Angriff weniger zielgenau gewesen, als es uns in den Nachrichten immer suggeriert wird. Ich frage mich, ob das Heim angesichts der rasanten Inflation noch die Mittel hat, die Bewohner*innen zu versorgen und ob nicht sie es jetzt ist, die dringend Hilfe benötigt. Seit Wochen schaue ich vergeblich, ob sie vielleicht geantwortet hat.

Verbundenheit im Gebet gibt Hoffnung

„Ich bete für dich“, so haben wir uns immer verabschiedet. Dieses Versprechen ist wie ein unsichtbares Band, das uns verbindet. „Bete für uns“, das war auch die letzte Nachricht einer iranischen Freundin am 28. Februar, bevor unser Kontakt abbrach.

Der katholische Erzbischof, der ebenfalls im Zentrum Teherans lebte, wurde inzwischen außer Landes gebracht. Ende März, nach vier Wochen Internetsperre, frage ich nach bei einem katholischen Priester, der schon vor einigen Jahren gezwungen war, den Iran zu verlassen, ob er etwas gehört hat. Kurze Zeit später antwortet er mir: „Gestern konnte ich mit Schwester Clara telefonieren. Trotz der heftigen Angriffe geht es ihnen gut. Sie haben die Arbeit umorganisiert, so dass die Mitarbeitenden weiterhin kommen können. Viele ihrer muslimischen Freund*innen besuchen sie regelmäßig und bringen Lebensmittel. Die Schwestern sagen: Die Unterstützung ist wirklich außergewöhnlich und beeindruckend.“

Ich bin sehr erleichtert. Die Frage bleibt: Für wie lange? Ich werde weiterhin für die Menschen beten, die unschuldig unter der Situation leiden. Und hoffen, dass sie diese Verbindung spüren.

Kirsten Wolandt


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