Mission abschaffen - Eine Frage der Perspektive
In Deutschland wird in Gesellschaft, Kirche und kirchlichen Organisationen über die Abschaffung des Begriffs „Mission” diskutiert, ist er doch aus deutscher historischer Perspektive in großen Teilen negativ konnotiert. Auch in Indien sieht man Mission kritisch. Doch nicht jede*r und nicht überall. Wie man „Mission“ interpretiert, kommt auf die Perspektive an, meint Atoholi Swu in ihrem Blogbeitrag.
Für Menschen aus einem vielfältigen asiatischen Kontext wie Indien kann der Begriff „Mission“ als ausgesprochen einschüchternd wahrgenommen werden. Viele Angehörige nichtchristlicher Religionen, insbesondere Hindus, setzen Mission vor allem mit Bekehrung gleich.
© Foto: Frank Holleman/unsplash | Viele Menschen setzten Mission mit Bekehrungsversuchen gleich.
In der Folge greift die regierende Bharatiya Janata Party (BJP), die die Hindutva-Ideologie entschieden unterstützt, die in der indischen Verfassung garantierte Religionsfreiheit (Artikel 25) an, indem sie christlichen Missionar*innen Visa entzieht oder ihre Einreise von vornherein verhindert. Dies ist nur eines von vielen Beispielen. Gleichzeitig ist es wichtig, die bedeutenden Beiträge christlicher Missionar*innen in der Geschichte der Kirche in Indien anzuerkennen.
Sie spielten eine zentrale Rolle bei der Weitergabe des Evangeliums und bei der Umsetzung zahlreicher religiöser und sozialer Reformen. Dazu zählen unter anderem die Gründung von Kirchen, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen sowie von Druckereien zur Übersetzung der Heiligen Schrift in lokale Sprachen.
Heute leben in Indien rund 28 Millionen Christ*innen, was etwa 2,3 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Trotz Bedrohungen und religiöser Verfolgung in einzelnen Regionen stellt der Begriff „Mission“ für viele christliche Kirchen und Organisationen weiterhin kein grundsätzliches Problem dar, und sie engagieren sich nach wie vor in vielfältigen missionarischen Aktivitäten.
Von Jesu Lehren erzählen
Ich stamme aus dem Bundesstaat Nagaland im Nordosten Indiens, wo sich fast 88 Prozent der Bevölkerung zum christlichen Glauben bekennen. Jede Kirche hat ihren eigenen Ansatz für die Missionsarbeit. Ich bin Mitglied der Sümi Baptist Church in Kohima, Nagaland, die etwa 2000 Mitglieder hat. Durch Gottes Gnade hat unsere Kirche im November 2025 ihr hundertjähriges Jubiläum gefeiert. Unsere Kirche engagiert sich aktiv in der Missionsarbeit, indem sie sich an den Auftrag Jesu hält und seine Lehren weitergibt. Infolgedessen haben wir ein Missionsfeld in Nepal eingerichtet, wo zahlreiche Kirchen gegründet und aufgebaut wurden.
Es ist nicht nur die Kirche, die Missionar*innen und Kirchenmitarbeitende finanziert, die im Missionsfeld arbeiten. Viele Kirchenmitglieder und Familien leisten ebenfalls freiwillig einen Beitrag zu ihrer Unterstützung. In unserem jährlichen Kirchenkalender haben wir einen bestimmten Sonntag als „Missionssonntag” festgelegt, um die Kirchenmitglieder für ihre kontinuierlichen Missionsbemühungen zu ermutigen, anzuerkennen und ihnen Dankbarkeit auszudrücken. Dieser Tag dient auch dazu, die Dienste und Beiträge der Mitarbeitenden im Missionsfeld sowie der Kirchenmitglieder, die ein Theologiestudium absolvieren, wertzuschätzen.
Positiver Einfluss
Meiner Ansicht nach darf Missionsarbeit nicht allein auf die spirituellen Bedürfnisse derer außerhalb der Kirche reduziert werden, wie es oft geschieht. Sie umfasst ebenso die körperlichen und geistlichen Bedürfnisse der Menschen, die bereits Teil der Kirche sind – ein Aspekt, der häufig zu wenig Beachtung findet. Das Verständnis und Engagement unserer Kirche für Mission gründet sich daher immer auf die Einladung an Menschen, Teil der Gemeinschaft Gottes zu werden, und schließt zugleich die besondere Verantwortung für die Bedürfnisse der Menschen im Missionsfeld sowie innerhalb der Kirche insgesamt mit ein.
Die Auslegung des Begriffs „Mission“ ist je nach Perspektive und Kontext unterschiedlich. Seit einiger Zeit wird er insbesondere in Deutschland intensiv in Kirchen und christlichen Gemeinschaften diskutiert. Dabei darf jedoch nicht aus dem Blick geraten, dass die missionarische Arbeit der deutschen Kirchen in vielen Ländern nachhaltige und positive Wirkungen entfaltet hat, indem sie die Verkündigung des Evangeliums mit sozialem Wandel verbunden hat.
Die Kirchen die dadurch beeinflusst wurden, wirken bis heute inspirierend – durch die Weitergabe des Evangeliums, durch diakonisches Engagement und auf vielfältige andere Weise. Sollte es dennoch notwendig sein, den Begriff „Mission“ aufzugeben, braucht es eine sorgfältige und breite Debatte, welche alternativen Begriffe an die Stelle treten könnten. Denn Mission meint weit mehr als Bekehrung. Sie ist auch unsere Kirchengeschichte.
Atoholi Swu
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