Offene Kirchen – offene Herzen?

Während in Deutschland viele Kirchen über Mitgliederschwund klagen und sogar immer häufiger Kirchengebäude schließen müssen, erlebt die katholische Kirche in Frankreich einen Aufbruch: Junge Menschen lassen sich taufen, Kirchenräume sind offen und lebendig. Was macht den Unterschied? Das fragt sich Michael Schrom im neuen Blogbeitrag.

Im Frühling 2025 überraschte die katholische Kirche in Frankreich mit einer erstaunlichen Nachricht: 10.384 Erwachsene ließen sich in der Osternacht taufen. Das sind so viele wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahre 2002. Noch erstaunlicher: 42 Prozent der Neugetauften sind zwischen 18 und 25 Jahre alt.

Ist es auch die Schönheit der Kirchen, die die Herzen berührt? © Foto: Sebastien/unsplash | Ist es auch die Schönheit der Kirchen, die die Herzen berührt?

Man reibt sich erstaunt die Augen und fragt sich: Wie kann das sein? Und wie passt das zu dem Befund, dass alle anderen messbaren Zeichen der Kirchenzugehörigkeit nach unten zeigen. Denn die Zahl der Trauungen, Beerdigungen und Kindestaufen sinkt kontinuierlich. Und das öffentliche Ansehen hat in Frankreich durch die Missbrauchsskandale um Abbe Pierre und Jean Vanier, die zu Lebzeiten schon fast als Heilige verehrt wurden, stark gelitten.

Und trotzdem – seit Jahren steigt die Zahl der Erwachsenentaufen. Und zwar nicht auf dem Land, sondern im Ballungsraum Paris. Ich habe vor Jahrzehnten in Paris Theologie studiert und kenne die Stadt daher ein bisschen. 2024 hatte ich die Gelegenheit, im Rahmen einer Pressereise der „Gesellschaft katholischer Publizisten“ nach vielen Jahren wieder einmal ein paar Tage in dieser wunderschönen Stadt zu verbringen. Was mir sofort auffiel: Die Kirchen waren geöffnet. Sie waren freundliche Orte. Und sie waren belebt. Meist war auch eine Pfarrperson oder ein*e Seelsorger*in im Raum, die ihren Schreibtisch in einer Seitenkapelle oder in einem abgetrennten Raum innerhalb der Kirche hatten. Fast immer gab es die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen. Kleinere Räume waren für die Betenden reserviert und für jene, die Stille suchten.

Können Kirchen Interesse für den Glauben wecken?

Auch das konkrete Hilfsangebot, zum Beispiel die von Jugendlichen organisierte Suppenküche in der Pfarrei Trinité, fand im Untergeschoss der Kirche statt. Das ist vielleicht weniger professionell und organisatorisch schwieriger zu bewältigen als in einem Raum, der extra für diesen Zweck errichtet wurde. Aber andererseits wird klar, dass beides zusammengehört: der Gottesdienst und der Dienst an den Nächsten.

Nicht zuletzt ist es wohl auch die Schönheit der Kirchen, die die Herzen berührt. Der Brand der Kathedrale Notre Dame hat nicht nur Gläubige in aller Welt bewegt. Der Wiederaufbau und die Neu-Eröffnung im Dezember 2024 waren ein nationales Ereignis, ein Fest der Kirche, aber auch ein Fest der Stadt. Manchmal frage ich mich, ob nicht Kirchen allein durch ihre Aura und durch ihre Schönheit Interesse für den Glauben wecken. Ganz ausgeschlossen ist das nicht. Die französische Tageszeitung La Croix hat eine Umfrage unter den Neugetauften durchgeführt und sie nach ihrer Glaubensbiographie befragt. 16 Prozent gaben an, dass der Brand von Notre Dame im April 2019 ein einschneidendes Erlebnis auf ihrem Weg zum Glauben gewesen sei.

Wir diskutieren in Deutschland viel über die Aufgabe und den Abriss von Kirchen. Aber bevor wir Kirchen zusperren, sollten wir sie zuerst einmal aufsperren – und sehen, welche Möglichkeiten sie bieten.

Michael Schrom


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