Schuld und Versöhnung
Die Geschichte der Sámi ist eine Geschichte von Unterdrückung, Zwangsmission und kultureller Gewalt – auch durch die Kirche. Heute gibt es Zeichen der Hoffnung und Versöhnung. Auf einer Reise nach Nordfinnland begibt sich eine Gruppe europäischer Studierender auf die Suche nach Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Sámi. Einer von ihnen ist Olaf Woltman. Seine Erfahrungen und warum er glaubt, dass das, was er in Sápmi, dem Land der Sámi, erlebt, ein Vorbild für den Umgang mit Schuld, Erinnerung und Versöhnung sein kann, schreibt er in seinem Blogartikel.
Wie würdest du reagieren, wenn dir verboten würde, deine Sprache, deine Kultur und deine Rituale auszuüben? Wie würdest du versuchen, damit umzugehen? Und schließlich, wenn die offene Unterdrückung vorbei ist, wie würdest du mit der ehemaligen Unterdrückungsmacht ins Reine kommen, um dauerhaften Frieden zu schaffen?
© Foto: Nikola Johnny Mirkovic/unsplash | Sámi leben in enger Verbundenheit mit ihren Rentieren, die ihre Kultur und Identität prägen.
Im August 2025 hatte ich gemeinsam mit elf anderen junge Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern im Rahmen eines Projekts der World Student Christian Federation (WSCF) bei einem Besuch in Inari, Finnland, die Gelegenheit, über diese Frage nachzudenken. Sechs Tage lang lernten wir die Geschichte und Kultur der Sámi kennen, erkundeten die lokale Natur und genossen unseren Aufenthalt in einer der einzigartigsten und unberührtesten Gegenden Europas.
Unsere Gruppe bestand aus Menschen aus ganz Europa. Wir wurden von WSCF, einer Organisation, die junge Menschen und die Perspektiven christlicher Studierender in den Mittelpunkt stellt, zu dieser Reise eingeladen, um mehr über die Spannungen und Konfliktlinien zwischen dem finnischen Staat und den Sámi sowie über die aktuellen Bemühungen um Frieden und Versöhnung zu erfahren. Im Mittelpunkt unserer Erkundungsreise stand die Rolle der finnischen lutherischen Kirche – ihre Beteiligung an der Unterdrückung der Sámi in der Vergangenheit, aber auch ihre aktuellen Bemühungen, die Fehler der Vergangenheit aufzuarbeiten und die Rechte der indigenen Bevölkerung zu unterstützen.
Erzwungene Assimilation
Die Beziehung zwischen den Sámi und den Nationalstaaten, die Land in ihrem historischen Siedlungsgebiet beansprucht haben – Norwegen, Schweden, Finnland und Russland – ist lang und kompliziert. Als die zentralisierte Herrschaft ab dem 17. Jahrhundert immer weiter nach Norden vordrang, wurden die Sámi aufgrund ihrer Kultur, ihrer Sprache und ihrer indigenen religiösen Traditionen ins Visier genommen. Die Staaten respektierten die Lebensweise der Sámi nicht und unternahmen viel, um die lokale Bevölkerung zu assimilieren, oft mit Gewalt. Berüchtigt war dabei das System der Internatsschulen im 19. und 20. Jahrhundert. In diesem System wurden Kinder aus ihren Familien und Gemeinschaften genommen und in Internatsschulen gebracht, wodurch sowohl die Bindung zu ihren Familien als auch der Kontakt zu ihrer Kultur geschwächt wurden und der Assimilationsprozess vorangetrieben wurde.
Auch die lutherische Kirche spielte im Zuge der Christianisierung und späterer Assimilationspolitik eine Rolle. Missionar*innen zerstörten samische Kultgegenstände und verboten traditionelle Bräuche. In der Zeit, als eugenische und rassistische Forschungen verbreitet waren, wurden zudem samische Gräber geöffnet und menschliche Überreste für wissenschaftliche Sammlungen entnommen – auch unter Mitwirkung der Kirche.
Schritte der Versöhnung
Mit der Zeit begann sich die Lage jedoch zu ändern. In den 1960er Jahren gewann die samische Bewegung an Stärke und forderte Sprach- und Kulturrechte. In den 1980er und 1990er Jahren wurden in den drei nordischen Ländern mit samischer Bevölkerung Sámi-Parlamente gegründet. Auch die Kirche änderte ihre Haltung: In Finnland entschuldigte sich zunächst der Bischof der Diözese Oulu 2012 für historisches Unrecht; 2025 folgte auch die Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands. Samische Sprachen und die indigene Kultur werden mehr und mehr Teil lutherischer Gottesdienste in Sápmi, dem Gebiet der Sámi.
Meiner Beobachtung nach hat sich der Versöhnungsprozess trotz der offensichtlich bestehenden Probleme positiv ausgewirkt. Auf der Fahrt vom Flughafen zu unserer Unterkunft sahen wir mehrsprachige Verkehrsschilder in samischen Sprachen sowie in Finnisch und Englisch. Es gibt Institutionen wie das Parlament und ein samisches Museum (beide einen Besuch wert!), die samische Sprachen und Kultur fördern. Die Sámi, mit denen wir sprachen, gewährten uns einen Einblick in ihre Kultur und die Herausforderungen, vor denen sie heute stehen. Wir hatten auch die Gelegenheit, ein samisches Musikfestival zu besuchen, wo wir sehen konnten, dass ihre Kultur nicht nur in traditionellen Formen, sondern auch in der Popkultur und in Musikgenres wie Pop und Hip-Hop lebendig ist!
Unsere Reise war etwas Besonderes: Wir durften von Menschen aus der Sámi-Gemeinschaft lernen, an der lokalen Kultur teilhaben und die unglaublich schöne, aber auch bedrohte Natur einer der nördlichsten Regionen Europas entdecken. Auch wenn es noch viele Herausforderungen zu bewältigen gibt, hat mich das, was ich dort über den andauernden Versöhnungsprozess lernen durfte, inspiriert. Für mich zeigt es, dass Besseres möglich ist, wenn wir uns der Vergangenheit und dem Leid stellen, Verantwortung anerkennen und gemeinsam einen Weg zur Versöhnung aushandeln und gestalten.
Olaf Woltman
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