Sicherheit gemeinsam denken

Was ist, wenn sich Gläubigen in ihren religiösen Gemeinden nicht mehr sicher fühlen? Und wenn der Glaube nicht frei und ohne Angst gelebt werden kann, können wir da überhaupt von Freiheit sprechen? Das Projekt „Sicherheit gemeinsam denken – Innere Stärke und Krisenkompetenz für religiöse Gemeinden in Berlin“ will Abhilfe schaffen, gemeinsame Strukturen aufbauen, voneinander lernen und so für mehr Krisenkompetenz bei Berliner Gemeinden sorgen. Juanita Villamor berichtet in ihrem Blogartikel von diesem Projekt und ist überzeugt: Resilienz entsteht immer dort, wo Menschen Erfahrungen teilen, sich stärken und gemeinsam Verantwortung für sich und andere übernehmen.

Religionsgemeinden sind seit jeher Orte des Vertrauens, der Orientierung und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Orte, in denen die Religionsfreiheit ihren wohl deutlichsten Ausdruck findet. Doch was ist, wenn diese Orte sich für die Gläubigen nicht mehr sicher anfühlen? Wenn der Besuch der religiösen Gemeinde mit Sorge um die eigene Sicherheit und die der Familie verbunden ist? Und wenn der Glaube nicht frei und ohne Angst gelebt werden kann, können wir da überhaupt von Freiheit sprechen? Wohl kaum.

Berliner Gemeinden arbeiten daran, Krisen nicht mehr allein bewältigen zu müssen. © Foto: Yannic Kress/unsplash | Berliner Gemeinden arbeiten daran, Krisen nicht mehr allein bewältigen zu müssen.

Ob Moschee, Kirche oder Tempel – Gläubige Menschen brauchen ein Gefühl der Sicherheit, um ihrer religiösen Praxis in der Gemeinschaft Ausdruck zu verleihen. Sie wollen sich ihrer Spiritualität und dem Göttlichen ohne Angst vor Übergriffen zuwenden und in der Gemeinschaft ihren Glauben leben, doch immer mehr religiöse Gemeinden stehen zunehmend vor sicherheitsrelevanten Herausforderungen – sowohl intern als auch extern. Zu den inneren Gefährdungen zählen Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt, psychische Übergriffe und fehlende Beschwerdestrukturen. Zugleich sehen sich viele auch äußeren Bedrohungen wie Vandalismus, Einbrüchen, Anfeindungen oder Anschlagsdrohungen ausgesetzt, auf die sie oft nicht vorbereitet sind. Dies aufzuarbeiten, Lösungsansätze interreligiös zu entwickeln und bewährte Konzepte für andere nutzbar zu machen, soll nun im Rahmen des Projektes „Sicherheit gemeinsam denken – Innere Stärke und Krisenkompetenz für religiöse Gemeinden in Berlin“ geschehen.

Wissen bündeln

Aus meiner Sicht ist innere Sicherheit mehr als nur der Schutz vor äußeren Gefahren; sie beschreibt die Fähigkeit einer Gemeinschaft auch unter Druck handlungsfähig, solidarisch und vertrauensvoll zu bleiben und beginnt dort, wo Menschen wissen, an wen sie sich wenden können. Als Mitarbeiterin und Ehrenamtliche einer Moscheegemeinde habe ich in den letzten Jahren immer wieder miterlebt, wie antimuslimische Anfeindungen, gesellschaftliche Polarisierung, mediale Kampagnen und Krisen innerhalb der Community das religiöse Leben und die Bereitschaft vieler Gläubiger, sich aktiv im Gemeindeleben einzubringen, gestört haben. Nicht zuletzt aus diesem Grund möchte ich in den kommenden 2,5 Jahren einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen ihre Religiosität leben können, ohne Angst haben zu müssen, Übergriffen ausgesetzt, ausgegrenzt, übergangen oder allein gelassen zu werden.

Im Laufe der Zeit haben einzelne Religionsgemeinschaften bereits Awareness-Konzepte oder Präventionsprogramme etabliert. In vielen anderen fehlen jedoch entsprechende Strukturen, wodurch erhebliche Lücken bestehen, die einem positiven Sicherheitsgefühl entgegenstehen. Das Projekt reagiert auf genau diesen Bedarf, indem es interreligiöse Zusammenarbeit mit gezieltem Wissenstransfer verbindet. Expertise aus diversen Berliner Gemeinden wird gebündelt und durch europäische Erfahrungen ergänzt. Gemeinsam entstehen praxisnahe Konzepte, die dauerhaft in Gemeinden nutzbar sind. Ob Checklisten, Notfallpläne, Awareness- und Krisenmanagement-Konzepte – Sicherheit entsteht dort, wo Wissen geteilt wird. Keine Religionsgemeinschaft verfügt über alle Antworten. Jede besitzt Erfahrungen und Wissen, von denen andere profitieren können, und genau darum geht es. Wir wollen miteinander und voneinander lernen.

Stärken, vernetzen und befähigen

Das gemeinsame Projekt der Neuköllner Begegnungsstätte, des Rats Berliner Imame, des Berliner Forums der Religionen und des Hillel Deutschland e.V. läuft nun seit Januar 2026 bis voraussichtlich Dezember 2028 und wird durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert. Es möchte Gemeinden nicht belehren, sondern stärken, vernetzen und befähigen. Im Mittelpunkt stehen keine fertigen Konzepte, sondern das gemeinsame Entwickeln tragfähiger Lösungen und Strukturen für die Zukunft.

Meine Arbeit als Projektleitung beginnt nicht mit Workshops, sondern mit Zuhören. Ich möchte erfahren: Wo erleben Menschen Unsicherheit? Welche Krisen haben sie bereits erlebt? Welche Ressourcen stehen ihnen zur Verfügung? Wo fehlen vielleicht Strukturen und was benötigen sie, um für mögliche Krisen gewappnet zu sein? In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf der Beantwortung dieser Fragen und einer damit einhergehenden Bedarfsanalyse unterschiedlichster Religionsgemeinschaften und Gemeinden Berlins. Diese geben als sogenannte Pilotgemeinden Einblicke in ihre bisherigen Erfahrungen und Herausforderungen und sind aktiv an der Mitgestaltung, Erprobung und Weiterentwicklung von Awareness-, Beschwerde- und Krisenstrukturen beteiligt. Unterstützt werden sie von einer religiös vielfältig besetzten Arbeitsgruppe des Berliner Forums der Religionen. Diese Arbeitsgruppe ist gemeinsam mit den Gemeinden für die konzeptionelle Mitgestaltung, strategische Reflexion sowie für die interreligiöse Einbettung und Qualitätssicherung verantwortlich.

Krisen nicht mehr allein bewältigen

Im Entstehen ist zudem ein multireligiöses und multidisziplinarisch besetztes Expert*innennetzwerk, welches im Falle eines Angriffs/Vorfalls die betroffene Gemeinde(n) beraten, eine schnelle Einschätzung bei Krisen geben und Unterstützung bei medialen Angriffen liefern kann. Mittels Nachbereitung vergangener Fälle erarbeitet dieses Projektorgan mögliche Arbeitsweisen und Wege zur Weiterentwicklung kollegialer Resilienz.

Im Dezember 2028 sollten unsere gemeinsamen Bemühungen dazu geführt haben, dass Religionsgemeinschaften ein umfangreiches Toolkit für innere Gefahren und Krisenprävention sowie zum Umgang mit diesen zur Verfügung steht. Religiöses Personal und Ehrenamtliche sollten Schulungen und Fortbildungen durchlaufen und ihr Wissen in die Gemeinden getragen haben. Das Projekt kann als erfolgreich angesehen werden, wenn Religionsgemeinden Krisen nicht mehr allein bewältigen müssen, sie voneinander lernen und stabile Netzwerke entstehen, in denen Verantwortung auf mehreren Schultern verteilt ist. Denn genau das bedeutet es Sicherheit gemeinsam zu denken – es bedeutet, Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Juanita Villamor


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