Tee, Glaube und Widerstandsfähigkeit

Wer pflückt unseren Tee? Wo kommt er her? Und wie wird er dort eigentlich produziert? Dass die idyllischen Werbefotos aus wolkenverhangenen Teegärten in Assam oder den Bergen Chinas nicht der Wirklichkeit entsprechen, ahnen wir vielleicht. Aber wie sieht denn die Wirklichkeit aus? Der indische Theologe Anup Indwar stammt aus einer Gemeinschaft von Teepflücker*innen in Assam. Er ist aufgewachsen in Armut und Abhängigkeit von Teeplantagen-Besitzer*innen. Diese Abhängigkeiten werden selten in Frage gestellt, sie sind alt, sehr alt: manche Hierarchien sind kasten-basiert und manche in der Kolonialzeit entstanden. Die Botschaft Jesu und der christliche Glaube und die Gemeinschaft stärken diese Menschen und geben ihnen Würde und Halt.

Tee wird weltweit zu verschiedenen Anlässen getrunken. Doch die Konsument*innen interessieren sich selten dafür, wie Tee produziert wird. Wer sind die Menschen, die die Teeblätter pflücken? Unter welchen Bedingungen leben sie? Ich bin Pfarrer und stamme aus den Teegärten der Region Dooars in Westbengalen, Indien. Ich bin in einer Adivasi-Gemeinde (indische Indigene) in einem Teegarten geboren.
Die Teepflücker*innen arbeiten oft unter erbärmlichen Bedingungen. © Foto: Ian Wagg/unsplash | Die Teepflücker*innen arbeiten oft unter erbärmlichen Bedingungen.

Dort habe ich miterlebt, wie meine Eltern und unsere Nachbar*innen jeden Morgen durch den Nebel gingen mit Körben auf dem Kopf, um zu den Plantagen zu gelangen. Als Kind habe ich sie still beobachtet, denn ich wusste, dass sie den ganzen Tag damit verbringen würden, Teeblätter zu pflücken – egal ob es regnete oder ob die Sonne schien. Dass sie keine soziale Absicherung hatten, habe ich erfahren als ich größer wurde.

Die Schönheit der Dooars-Teeplantagen verbirgt viele schmerzhafte Realitäten. Die Teepflücker*innen arbeiten unter erbärmlichen Bedingungen. Sie haben kaum Zugang zu angemessener Ernährung, Bildung, Gesundheitsversorgung und Versicherung. Daher leiden diese Arbeiter*innen häufig an chronischen Krankheiten. Das macht Familien im Krankheitsfall oder im Alter schutzlos.

Der Tee, den wir pflücken, gelangt in weit entfernte Städte und Länder und füllt Tassen auf der ganzen Welt. Doch unsere eigenen Tassen sind oft leer. Das ist die Situation, in der ich lebe und zugleich ist hier auch der Ort, an dem meine Glaubensgeschichte in Christus beginnt. Dort, wo wir jeden Sonntag in der Kirche singen und tanzen, erzählen die Lieder Geschichten des Glaubens inmitten von Not. Durch den Tanz teilen wir unsere Nöte und verwandeln unseren Schmerz in Lobpreis. Es ist der Geist einer Gemeinschaft, die sich weigert, die Hoffnung aufzugeben. Selbst inmitten von Not ist unser Gottesdienst voller Freude. Denn unsere Hoffnung ist in Gott verwurzelt.

Hoffnung, die in Gott verwurzelt ist

In der Bibel fördert diese Hoffnung Liebe, Fürsorge und Verantwortung in Gemeinschaften und Gemeinden, um Teil von Gottes Reich zu werden. Menschen, die müde, gestresst und in Schwierigkeiten waren, so wie wir es sind, hörten Worte der Hoffnung von Jesus. „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28) Gottes Reich ist für Menschen bestimmt, die viele Nöte durchlebt haben, so sagte es Jesus seinen Nachfolger*innen. Texte wie dieser ermutigen uns in Situationen der Hoffnungslosigkeit.

In Lukas 4,18 heißt es: „Er hat mich gesandt, den Armen die frohe Botschaft zu verkünden und die Unterdrückten frei zu setzen.“ Hier sprach Jesus zu Menschen wie uns, zu den Unterdrückten, und solidarisierte sich mit ihnen. Das erinnert uns daran, dass Gott unseren Kampf sieht. Unser Schweiß und unsere Mühen sind für Gott nicht unsichtbar. Diese Hoffnung zeigt sich in unserem Leben, im Gottesdienst, im Lobpreis, im Gesang, im Tanz, in den Gemeinschaftstreffen und in der gegenseitigen Fürsorge.

So wächst in diesem Land nicht nur eine grüne Landschaft, sondern auch eine tiefe Spiritualität durch Fürsorge, Verantwortung und gemeinsame Hoffnung. Wie die Teepflanze, die nach dem Pflücken wieder wächst, so erheben auch wir uns wieder – das ist unsere Hoffnung. Unsere Geschichte ist nicht nur eine Geschichte des Leidens, sondern auch eine Geschichte der Widerstandsfähigkeit.

Anup Indwar


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