Unsere Mutter Erde weint
Die ökumenische Schöpfungszeit lädt Christ*innen alljährlich vom 1. September bis zum 4. Oktober dazu ein, sich auf ihre Verantwortung für Gottes Schöpfung zu besinnen – und daraus konkretes Handeln folgen zu lassen. „Unsere Mutter weint“ ist eine poetische und theologische Reflexion über den Klimawandel, die Sorge um die Schöpfung und unsere moralische Verantwortung, Gottes Werk zu bewahren und zu schützen. Inspiriert von Kunst, Schrift und dem Schmerz einer verwundeten Erde ruft Brighton Katabaro in seinem Blogartikel zu Umkehr, Mitgefühl und dringend notwendigem Handeln angesichts der ökologischen Krise auf.
„Noch nie war die Schöpfung Gottes durch den Menschen so bedroht wie heute“, warnt Kristina Kühnbaum-Schmidt, Bischöfin der Nordkirche und Beauftragte der EKD für Schöpfungsverantwortung. Auf der EKD-Synode im November 2025 betonte sie: „Die Klimakrise macht keine Pause.“ Es stellten sich Fragen nach Ressourcen und Prioritäten – doch die Krise sei vor allem ein Weckruf. Eine ähnliche Mahnung kam von UN-Generalsekretär António Guterres auf der COP 30 in Belém (2025), der besorgt erklärte: „Das Versäumnis, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist ein moralisches Versagen – und tödliche Nachlässigkeit.“ Die Frage bleibt: Wie lange wollen wir dieses Versagen noch hinnehmen – und welche Folgen wird es haben? Die Sorge um die Zukunft unseres Planeten wächst – und mit ihr die drängende Frage, wie lange die Menschheit noch zaudert, entschlossen zu handeln. Denn jedes Zögern vertieft nicht nur die ökologische, sondern auch die moralische Krise unserer Zeit.
© Foto: Brice Cooper/unsplash | Die Sorge um die Zukunft unseres Planeten wächst.
Die Klimakrise findet in einem Gemälde von Lucy D’Souza-Krone und Andreas Krone eindrücklichen Ausdruck: Ein menschliches Gesicht, vom Schmerz gezeichnet, steht sinnbildlich für das Leiden der Natur. In seinen Zügen erkennen wir unser eigenes Spiegelbild – und den stummen Schrei der Erde selbst. Inspiriert von diesem Kunstwerk schrieb ich ein Gedicht, um dem Schmerz von Mutter Erde eine Stimme zu geben – und uns zugleich zu Umkehr und entschlossenem Handeln aufzurufen. Kunst besitzt eine besondere, beinahe heilige Kraft: Sie weckt Empathie und berührt das Herz dort, wo bloße Zahlen, Fakten und Argumente nicht mehr ausreichen. Wir dürfen nicht verstummen, sondern müssen Glauben und mitfühlendes Handeln neu beleben – um unsere Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung zurückzugewinnen und unserer Verantwortung für das gemeinsame Haus Erde gerecht zu werden.
Die Mutter weint – ein Gedicht
Eine Mutter sitzt, Tränen im Gesicht,
Trauer lastet schwer, doch Gnade spricht.
Ein Schmerz, ertragen seit langer Zeit,
Hat ihr Herz zerrissen, ihr Leid geweiht.
Warum sie weint? Was hat sie verloren?
Ihr Leben war Geben, von Liebe geboren.
Sie nährte, schützte, gab alles hin,
Für all ihre Kinder – das war ihr Sinn.
Doch nun ist sie müde, gebrochen, allein,
Ihr Atem schwach, ihr Blick voll Pein.
Mit zitternden Händen, mit flehendem Blick,
Wartet sie, dass ihre Kinder sich besinnen – Stück für Stück.
Doch wenige hören, wenige sehn,
In Selbstsucht und Hast bleib’n sie stehn.
Gefangen im Alltag, vergessen das Leben,
Das ihre Mutter einst hat gegeben.
Ihre Tränen fallen, nur der Wind versteht.
Ihr Schmerz verweht, die Welt nicht seht.
Die Erde wird kalt, blind für ihr Leid –
Mutter weint, vergebens – zur Zeit.
Adama weint – ihr Herz so wund,
Mutter Erde ist am Ende ihrer Stund’.
Einst gab sie Licht und reine Kraft,
Doch ihre Kinder zerstörn, was sie schafft.
Sie gab uns Wasser, Luft und Brot,
Schatten der Bäume, Schutz in der Not.
Nun trägt sie Wunden, unendlichen Schmerz –
Verbrannte Wälder, verschmutztes Herz.
Ihr Atem erstickt in giftigem Dunst,
Die Meere vergiftet, die Hoffnung zerschmilzt.
Im Namen des Fortschritts rauben wir fort,
Töten ihr Leben – und uns selbst am Ort.
Ihre Tränen strömen wie Flüsse ins Tal,
Ein uralter Schrei, eine endlose Qual:
„Wie lange wollt ihr mich noch bluten seh’n?
Wann hört ihr auf, gierig zu geh’n?“
Die Erde brennt, Tag für Tag,
Dürre und Flut, die keiner mag.
Die Felder verdorren, die Bauern verzagt –
Wann hört ihr auf, gierig zu sein? Ich frag.
Adama ruft und ruft – wer hört?
Ihre Stimme schwächer, doch ungestört.
Warnt sie uns, Jahr für Jahr,
Doch wir zerstören – immerdar.
Wer hört, bevor’s zu spät nun ist?
Die Tränen einer Mutter
In vielen Kulturen stehen die Tränen einer Mutter für tiefes Leid – und zugleich für Fürsorge. In der Nyambo- bzw. Haya-Kultur im Nordwesten Tansanias gilt: Wenn eine Mutter weint, ist das ein Zeichen größter Qual – und ein böses Omen für ihre Kinder. Die Tränen einer Mutter bleiben nicht ohne Folgen – wer sie verursacht, ruft das Unheil über sich selbst. Diese Weltsicht birgt eine tiefe moralische Wahrheit: Die Missachtung des Lebens und der Schöpfung fällt letztlich auf uns selbst zurück – und noch stärker auf unsere Kinder, Enkel und Urenkel. Die Verantwortung und das Mitgefühl für kommende Generationen sollten uns zum Handeln bewegen – und zwar jetzt.
Heute weint unsere Mutter Erde wirklich. Ihre Tränen zeigen sich in Dürren, Überschwemmungen, Waldbränden und Hungersnöten. Der Klimawandel betrifft den gesamten Planeten – doch seine härtesten Folgen treffen den Globalen Süden. In Afrika bedrohen steigende Temperaturen, Missernten und extreme Wetterlagen Menschen, Tiere und ganze Ökosysteme. Die Tragödie liegt darin, dass gerade jene am meisten leiden – etwa viele Länder in Subsahara-Afrika –, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben. Die Verantwortung für die großen Schäden, die die Erderwärmung verursacht, liegt vor allem bei den reichen Industrienationen.
Jede*r weiß es – und doch wird zu wenig getan. Zu oft bestimmen wirtschaftliche Interessen und Profitstreben das Handeln, während das Wohl der Erde in den Hintergrund rückt. Und so leidet die Erde weiter.
Nicht ausbeuten – bewahren
Die Bibel erinnert uns daran, dass „die gesamte Schöpfung seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Römer 8,22). Wir sind keine bloßen Beobachter*innen – wir sind Teil dieser leidenden Schöpfung, berufen, Heilung zu bringen und treue Haushaltende zu sein. Gott hat uns die heilige Aufgabe anvertraut, die Schöpfung zu bewahren, nicht sie auszubeuten: „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist“ (Psalm 24,1).
Schon in Genesis 1,28 wird der Mensch aufgefordert, die Erde zu „füllen und sich untertan zu machen“. Doch biblische Herrschaft bedeutet nicht Beherrschung, sondern Fürsorge, Verantwortung und Respekt. Wir sind Verwaltende, nicht Erobernde. Jesus lehrt, dass das größte Gebot die Liebe ist – die Liebe zu Gott und zum*zur Nächsten (Matthäus 22,37–39). Diese*r „Nächste“ schließt nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, Pflanzen und die Erde selbst ein. Darum ist Klimaschutz keine rein politische Aufgabe, sondern eine moralische, spirituelle und generationenübergreifende Verantwortung. Ökologische Bewahrung ist keine Option – sie ist Pflicht, ethisch wie geistlich. Wer die Natur achtet, ehrt den Schöpfer, schützt die Schöpfung und bewahrt das Gleichgewicht des Lebens – für heutige und kommende Generationen.
Die Tränen von Mutter Erde als göttliche Botschaft
Die Tränen von Mutter Erde sind keine bloßen Metaphern mehr – sie sind messbare Realität. Die Klimakrise ist keine abstrakte Bedrohung, sondern real, unmittelbar und existenziell: Auch in Europa spüren wir die Auswirkungen, aber der Globale Süden trägt die schwerste Last.
- Dürren, Überschwemmungen und extreme Hitze zerstören Ökosysteme und Wirtschaften.
- Der Meeresspiegel steigt, Gletscher schmelzen, Schneeflächen verschwinden.
- Verwundbare Gemeinschaften leiden unter Nahrungsmangel, Wassernot, unberechenbarem Regen und massivem Artensterben.
Als Nachfolger*innen Christi sind wir berufen, Gottes Schöpfung zu schützen und zu bewahren. Kirchen und Glaubensgemeinschaften tragen eine ökologische und ethische Verantwortung, diesen Planeten für kommende Generationen zu erhalten. Ermutigend ist, dass innerhalb der Kirche in Deutschland konkrete Schritte unternommen werden, um der Klimakrise entschlossen zu begegnen.
Hoffnungsvolle Schritte der Kirche
Wie die EKD-Synode 2025 beschlossen hat, strebt die Evangelische Kirche in Deutschland an, bis 2045 klimaneutral zu werden – ein ehrgeiziges, aber notwendiges Ziel. Alle kirchlichen Gebäude, Verwaltungen, Schulen und Kitas sollen auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Zwar scheint 2045 noch fern, doch jeder Schritt auf diesem Weg zählt.
Ebenso ermutigend sind die internationalen Partnerschaften, die aus kirchlichem Engagement erwachsen. Ein Beispiel ist die Church Climate Action Partnership zwischen der Nordkirche und der Evangelical Lutheran Church in Tanzania.
Diese Initiativen sind Hoffnungszeichen wachsender Verantwortung und Ausdruck eines ernsthaften Willens zur Veränderung. Sie zeigen, dass Glaube und Handeln, Spiritualität und Solidarität untrennbar verbunden sind – über Kontinente und Kulturen hinweg. Dieses gemeinsame Engagement gleicht einem Feuer, das weitergetragen werden muss – von Kirche zu Kirche, von Mensch zu Mensch. Denn die Tränen von Mutter Erde sind eine göttliche Botschaft: eine Einladung zur Umkehr, zum Mitgefühl und zur Veränderung.
Es ist Zeit, neu hinzuhören.
Es ist Zeit, entschlossen zu handeln.
Es ist Zeit, die seufzende Erde zu heilen.
Brighton Katabaro
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