Was Kirche und Parkplätze gemeinsam haben
Kirchen prägen unsere Städte – zumindest architektonisch. Doch während sich Innenstädte verändern, bleiben viele Kirchen leer. Was früher zentraler Treffpunkt war, wirkt heute oft wie ein Fremdkörper im urbanen Alltag. Müssen Kirchen sich also neu erfinden, um zu bleiben? Oder sogar Platz machen, wenn sie das nicht können? Was Kirche von Stadtentwicklung lernen kann – und warum Mut zum Wandel nötig ist, um das Gute zu bewahren, danach fragt Katrin Lüdeke in ihrem Blogbeitrag.
Kirchen sind aus keinem Stadtbild wegzudenken. Sie sind meist im Stadtzentrum zu finden und waren einmal Treffpunkt für alles Mögliche. Aber jetzt stehen sie immer mehr leer. Städte haben sich weiterentwickelt, ihre Zentren auch. Hot Take: Wenn Kirchen sich nicht anpassen können, müssen sie verschwinden. Ganz so einfach ist das natürlich nicht. Wie also kann die Kirche von der Stadtentwicklung lernen?
© Foto: Marek Lumi/unsplash | Kann Pop-Up-Kultur auch ein zukünftiger Weg für die Kirche sein?
Potenzial und Problem
Kirchen sind Orte mit Potenzial – sie sind zentral gelegen, dort wo Menschen sind, gut zu erreichen und zu erkennen, sie haben Platz. Und sie sind Orte mit Geschichte. Doch genau diese Geschichte wird manchmal zur Last, der Denkmalschutz macht benötigte Modernisierungen komplizierter. Einfach die Architektur an heutige Bedürfnisse anzupassen, würde Teile dieser Geschichte zerstören. Wie können die Räume neu gefüllt werden, ohne das Alte kaputt zu machen?
Die Jahreslosung 2026 fordert auf, genau darüber nachzudenken: „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21,5). Das Alte, das sind die Kirchenmauern – langlebig und stabil, mit einem festen Fundament. Diese Sicherheit und Sichtbarkeit sind ja auch gut, aber wenig flexibel, starr und einengend. Damit Kirche lebendig bleibt, muss sie sich verändern. Neu werden. Und das Neue sichtbar machen.
Viel haben, viel geben
An den Kirchengebäuden hängen wir meiner Meinung ein bisschen zu sehr. Ich muss da immer an den reichen Mann denken, der Jesus um Rat fragt und sich dann doch nicht daranhält. Jesus sagt: „Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben.“ (Markus 10,21) Und der Mann geht traurig nach Hause, weil er viel hat. Alles aufgeben ist radikal. Jesus fordert Befreiung von dem, was uns handlungsunfähig macht.
Versteht mich nicht falsch, ich mag Kirchen. Ich mag auch das Sakrale, das Heilige. Aber noch mehr mag ich das Leben, das in Kirchen stattfindet. Und das sind längst nicht nur Gottesdienste. In vielen Kirchen finden soziale Projekte statt: eine Ausgabestelle der Tafel, ein inklusives Café, das Menschen einen Arbeitseinstieg ermöglicht, ein Projekt für Kinder und Jugendliche, die sonst keine Anlaufstelle haben, Angebote für Geflüchtete wie Deutschunterricht oder Hilfe bei Behördenzeugs.
Socialtecture: Vom Sozialen zur Architektur
Sozial gedachte Architektur – Socialtecture – lädt dazu ein, Räume nicht nach ihrer ursprünglichen Bestimmung zu bewerten, sondern nach dem, was in ihnen möglich ist. Ein gutes Beispiel dafür sind Parklets. Ein Achtel der Flächen in Hamburg werden vom Straßenverkehr genutzt, die Erholungsflächen sind um ein Drittel kleiner. Es braucht mehr davon.
Parklets sind meist temporäre Holzbauten auf Parkplätzen am Straßenrand, auf denen man zusammensitzen oder spielen kann, ohne etwas konsumieren zu müssen. Bücherboxen, Kicker, Liegestuhl und heimische Pflanzen dort, wo sonst Autos stehen. Antikapitalismus in seiner Reinform. Das, was Kirchen meiner Meinung auch sein müssten.
Raus aus der Unsichtbarkeit
Kirchen sind natürlich keine Parkplätze, keine neutralen Orte. Sie sind christlich. Und das ist keine Schwäche, sondern ihre Stärke. Haltung zu zeigen, ist gerade heute unbedingt nötig. Wie sollen sich Menschen mit Kirche identifizieren, wenn wir selbst nicht klar zeigen, wer wir sind? Wenn es nichts zu sehen gibt?
Sichtbarkeit heißt aber auch: Weil Kirchen eben keine Parkplätze sind, an denen man im Alltag vorbeikommt und die offen einsehbar sind, müssen Menschen anders von Angeboten erfahren. Die Zeiten, in denen Leute einfach so in Kirchen gekommen sind, sind vorbei. Die Zeiten, in denen sich Menschen nach Nähe sehnen und einsam sind, leider nicht. Rund 60 Prozent der Menschen in Deutschland waren schon einmal einsam – selten, manchmal, häufig. (Einsamkeitsreports 2024 der Techniker Krankenkasse). Also an mangelndem Bedarf liegt es nicht, dass Kirchen leer sind.
Strukturwandel braucht Zeit
Als jemand, die in der Kirche aktiv ist, weiß ich natürlich, es gibt diese neuen Ideen schon. Ich will gar nicht die vielen Angebote und Bemühungen und engagierten Menschen kleinreden. Und natürlich zum Zweiten: Alles wurde schon mal probiert. Oft scheitert es nicht an den Ideen, sondern an Finanzkraft, Behördisierung, zu wenig Ressourcen, zu wenig Menschen, die die Angebote wahrnehmen. Denn natürlich zum Dritten: Schnell etwas Pop-Up-mäßig aufzubauen, sorgt nicht automatisch dafür, dass auch schnell viele Leute kommen.
Klar ist: Kirche ist schon dabei, Neues zu denken und mit dem Alten in der Waage zu halten. In der Stellungnahme „Kirchengebäude sind Gemeingüter“ (2023) halten die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz fest: Kirchengebäude haben gesellschaftliche Bedeutung und sind Teil des kulturellen Erbes. Viele stehen unter Denkmalschutz. Durch sinkende Mitgliederzahlen und Finanzkraft entstehen Herausforderungen. Kirche ist aktiv dabei, mitzugestalten, was mit den Gebäuden passiert, wie sie in Zukunft genutzt werden – kirchlich, staatlich und gesellschaftlich. Und das braucht seine Zeit, damit es gut wird.
Aber auch schnelle Lösungen
Es braucht aber auch schnelle Lösungen, ein bisschen Pop-up-Kultur, ein bisschen mehr Wagnis. Ich wünsche mir ein wenig mehr Mut zu Unwirtschaftlichkeit, zum Antikapitalismus. Der Vorteil an Parklets: Einfach jede*r kann sie gestalten und jede*r kann sie nutzen. Kirchen sind keine Museen, die man sich anschaut, es sind Orte, die zum Mitmachen auffordern sollten. Wir brauchen Orte zum Ausprobieren – kleine Parklets der Kirche, die kommen, gehen, wirken.
Nicht alles muss neu gemacht werden, aber manches sollte einfach gemacht werden.
Katrin Lüdeke
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