Wenn Chatbots über Glauben reden

Künstliche Intelligenz (KI) ist längst Teil unseres Alltags – auch in Kirche und Theologie. Aber wie mit ihr umgehen? Kann KI Glaubensfragen aufgreifen, spirituelle Gespräche ermöglichen und Menschen erreichen, die sonst keinen Kontakt zu Kirche haben? Entsteht daraus Glaubensbildung – oder sogar Veränderung? Die Theologin Erin Green berichtet in ihrem Blogbeitrag von einem spannenden Experiment an der Schnittstelle von Theologie, Technologie und Mission. Ist KI für Kirche Chance oder Risiko?

Seit dem Aufkommen der künstlichen Intelligenz (KI) in den letzten 70 Jahren haben sich Theolog*innen intensiv mit KI auseinandergesetzt. Wir haben Fragen gestellt, untersucht, welchen Einfluss KI auf die christliche Lehre und Ethik hat, und langsam theologische Antworten auf dieses neue technologische Phänomen entwickelt. Inzwischen gehen Theolog*innen auch spielerisch mit KI um. Natürlich nutzen wir dabei wie alle anderen auch die schicken neuen Tools wie ChatGPT, aber wir experimentieren auch auf wissenschaftlichere Weise mit KI.

Können Menschen durch Gespräche mit künstlicher Intelligenz wirklich etwas über den Glauben lernen? © Foto: Alex Knight/unsplash | Können Menschen durch Gespräche mit künstlicher Intelligenz wirklich etwas über den Glauben lernen?

Im Sommer 2025 habe ich ein solches praktisches Experiment mit CHURCHx, dem Bildungszweig des Toronto United Church Council, geleitet. Stellen Sie sich das als eine Art Inkubator für Theologie und KI vor, in dem wir uns speziell mit der Schnittstelle zwischen Chatbots und Glaubensbildung beschäftigen.

Wir fragten:
Können Menschen durch Gespräche mit künstlicher Intelligenz wirklich etwas über den Glauben lernen? Wenn ja, sind ChatGPT und ähnliche Anwendungen dann ein neues und potenziell spannendes Missionsfeld?

Unsere Forschung konzentrierte sich ausschließlich auf KI-Systeme, die darauf ausgelegt sind, theologische Fragen zu beantworten, spirituelle Anleitung zu bieten und Diskussionen über Glauben und Praxis zu erleichtern. Sie basierte auf einem sehr begrenzten und autoritativen Datensatz, um sicherzustellen, dass die Menschen glaubwürdige und zuverlässige Antworten erhalten. Mit Zustimmung unserer Nutzer*innen untersuchten wir Tausende und Abertausende von Interaktionen zwischen Menschen und dem Chatbot. Worüber sprechen sie? Welche Fragen stellen sie? Wie können wir überhaupt feststellen, ob ein Lernprozess stattgefunden hat?

Information, Formation, Transformation

Natürlich sind Erkenntnisgewinn und Glaubensbildung mit einem Bot nicht genau dasselbe wie herkömmliches Lernen. Es gibt etwas anderes, etwas Ontologisches, das geschieht, wenn Menschen ihre religiösen Überzeugungen hinterfragen und darüber nachdenken. Wir testeten ein Informations-Formations-Transformations-Modell des Lernens. Zunächst wollten wir herausfinden, wann ein Chatbot und ein*e Nutzer*in sachliche Informationen (Information) austauschen; dann wollten wir sehen, wie dieses Wissen in die Glaubensperspektiven des Menschen einfließt (Formation); und schließlich suchten wir nach Austausch, der zu einer Veränderung im Verhalten oder in der Praxis führt (Transformation).

Wir stellten fest, dass Menschen, die mit Chatbots sprechen, genau wie Menschen im realen Leben wunderbar vielfältig, emotional, lustig und verletzlich sind. Manche sprachen mit dem Chatbot über ihre tiefsten Glaubenskonflikte. Andere baten nur um einfache Erklärungen oder Informationen.

Klare Chance, aber auch Risiko

Der Chatbot ist immer verfügbar, niemals nervös oder ungeduldig und spricht die eigene Sprache fast so gut wie man selbst. Und diese großen Sprachmodelle tauchen überall auf. Sie sind in soziale Medien, Kund*innenservice, Lernplattformen und vieles mehr integriert. Jemand, der vielleicht nie einen Fuß in eine Kirche setzt oder eine Pfarrperson aufsucht, kann jederzeit und überall Fragen über Gott stellen. Auf diese Weise haben sie das Potenzial, zu einer Art digitalem „Missionsfeld” zu werden, wo Menschen bereits mit Offenheit und spiritueller Sehnsucht ankommen.

Die Chance dabei liegt auf der Hand: Chatbots können Menschen genau dort abholen, wo sie gerade stehen, in einem Moment der Not oder Neugier. Sie können erklären, ermutigen, zum Nachdenken anregen und zu weiterer Erkundung einladen. Sie können eine erste Begegnung mit der Kirche sein und Menschen eine sichere, einfache Möglichkeit bieten, zu lernen und Fragen zu stellen.

Aber die Risiken sind ebenso klar. Ein Chatbot kann Dinge falsch verstehen – sachlich, theologisch oder pastoral. Er kann eine Frage missverstehen, den emotionalen Ton nicht erkennen oder eine Antwort geben, die durch Vorurteile in seinen Trainingsdaten geprägt ist. Die Unterhaltung mag sich persönlich – sogar menschlich – anfühlen, aber wir müssen bedenken, dass generative KI, wie sie in ChatGPT verwendet wird, nicht viel mehr als fortgeschrittene Statistik ist. Sie trifft gute Vermutungen auf der Grundlage der ihr vorliegenden Daten.

Ein mächtiges Werkzeug

Es besteht auch die Gefahr, Interaktion mit geistlicher Formung zu verwechseln. Wahre Jünger*innenschaft findet in der Gemeinschaft statt, durch gelebte Beziehungen, gemeinsamen Gottesdienst und geteiltes Leben. Kein Chatbot kann das ersetzen. Im besten Fall kann er ein Einstiegspunkt sein, im schlimmsten Fall kann er die Illusion von Wachstum vermitteln, ohne die Tiefe, die durch menschliche Beziehungen entsteht.

Für Kirchen und Missionsorganisationen besteht die Herausforderung darin, diese Tools im Dienste einer umfassenderen Vision einzusetzen. Ein Chatbot allein ist begrenzt. Aber ein Chatbot, der mit menschlicher Nachbetreuung, Einladungen zur Gemeinschaft und Möglichkeiten für realen Kontakt verbunden ist, könnte eine große Wirkung erzielen.

Wir müssen uns sicherlich nicht zwischen Technologie und menschlicher Präsenz entscheiden, weder in der Vergangenheit noch im Zeitalter der KI. Die Herausforderung besteht darin, sicherzustellen, dass KI mit all ihren Unvollkommenheiten und Mängeln nicht mehr und nicht weniger ist als ein Werkzeug. Ein mächtiges Werkzeug zwar, das Menschen helfen kann, ihren Glauben zu vertiefen, sich stärker mit anderen und ihren Gemeinschaften zu verbinden und dem Evangelium sowohl online als auch offline zu dienen – aber es ist nur ein Werkzeug.

Erin Green


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