Wer bestimmt, was Mission bedeutet?
Ist Mission ein überholter Begriff – oder hat Mission heute eine neue Bedeutung? Während die europäische Debatte vor allem von der kolonialen Vergangenheit geprägt ist, verbinden viele Christ*innen im Globalen Süden Mission mit Gemeinschaft, Selbstlosigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung. Kerio Wetsah zeigt in seinem Blogbeitrag, warum es nicht die eine Definition von Mission geben kann.
Die Missionsgeschichte ist nicht linear. Diese Auffassung vertreten wir innerhalb des Forschungsfeldes „World Christianities“. Es ist eine komplexe und dynamische Geschichte und Entwicklung, die viele verschiedene Stimmen, durch unterschiedliche kulturelle und historische Erfahrungen geformt haben. Es gibt also nicht die eine Definition von Mission.
© Foto: Brajendra Singh/unsplash | Wie man den Begriff Mission versteht, ist eine Frage von Kontext und Perspektive.
Das heißt, wir müssen uns zunächst fragen: Was steckt dahinter? Warum glauben die Menschen, was sie über die Mission glauben? Und das hat eben auch mit dem Background zu tun, aus dem die jeweilige Person kommt. Ich zum Beispiel bin Naga und komme aus dem Nordosten Indiens. Für uns Nagas ist die Gemeinschaftsethik wichtig, und es gibt keine Trennung zwischen Religion, Politik und sozialem Leben. Das ist so zu sagen ein ganzheitliches Leben.
Im Westen hingegen sind Weltanschauungen oft durch Individualismus und die Trennung von Heiligem und Weltlichem geprägt. Das bedeutet, die Kontexte von Europäer*innen und Naga unterscheiden sich deutlich. Wie sehr zeigt sich, wenn wir genauer auf die gemeinschaftlichen Werte der Naga schauen.
Ein solcher gemeinschaftlicher Wert ist beispielsweise das Konzept „Sobaliba“: In der Ao-Naga-Tradition bedeutet es „Gemeinschaft zuerst, dann Individuum“ und steht für Selbstlosigkeit. Dieses Prinzip steht neben Selbstlosigkeit für Freundlichkeit, Gastfreundschaft, die Fürsorge für die Schwachen und das Teilen von Ressourcen. Kurz gesagt geht es darum, das Wohlergehen der Gemeinschaft zu wahren.
Mission als selbstloser Dienst
Dieses Konzept der Selbstlosigkeit steht dem frühchristlichen Missionsethos sehr nahe. Daher ist für die Naga christliche Mission bis heute sinnvoll, weil es bei der Mission um selbstlosen Dienst geht.
Auf dieser Vorstellung fusst auch die aktuelle Idee des „Nagaland Missions Movement“. Sie will 10.000 „Volunteers“ (Freiwillige) entsenden. Das Wort „Volunteers“ wird hierbei bewusst anstelle von Missionar*innen verwendet. Dies hängt jedoch nicht mit direkten Vorbehalten gegen das Wort Mission zusammen, sondern damit, dass das Wort „Volunteers“ das gemeinschaftliche Ethos der Selbstlosigkeit deutlicher ins Zentrum rückt.
In Nagaland gibt es zudem den Slogan „Nagaland für Christus“. Dies ist eine Form von Mission, die nicht nur religiös ist. Sie ist auch ein Symbol des Widerstands, der sich in der gemeinsamen Erinnerung und im gemeinsamen Kampf gegen den Neokolonialismus begründet.
Ein postkoloniales Problem?
Daher möchte ich abschließend noch weitere Überlegungen anstellen:
Wir lesen die Bibel nach unseren alltäglichen Erfahrungen, und ich glaube, das ist der Sinn der Heiligen Schrift. Hätten europäische Missionar*innen den Menschen vor Ort ermöglicht, die Bibel aus ihrer eigenen Perspektive zu lesen, wäre unser heutiges Verständnis von Mission und ihren Merkmalen vermutlich nicht dasselbe. Das heißt aber nicht, dass Mission heute keinen Sinn mehr hat, weil sie einen Punkt der Neuinterpretation erreicht hat, an dem sich unsere missionarische Spiritualität von der des Westens unterscheidet.
Meine zweite Anmerkung ist eine Kritik an der postkolonialen Missionsdiskussion in Europa. Wird Mission weiterhin ausschließlich durch die Linse einer kolonialen „Rettungsmentalität“ betrachtet und dieses Verständnis auf den Globalen Süden übertragen, wiederholt sich ein bekanntes Muster: Erneut bestimmt Europa, wie Mission weltweit zu verstehen ist.
Ich frage mich auch, ob es sich hier wirklich um eine postkoloniale Diskussion handelt. Oder liegt es einfach an der Verlagerung des christlichen Zentrums vom Globalen Norden in den Globalen Süden, dass der Westen heute weniger Einfluss darauf hat? Für mich ist auch das ein wichtiger Aspekt für Fragen und Diskussionen.
Kerio Wetsah
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