Wie lautet das Zauberwort?

Was bleibt unausgesprochen, wenn es um Macht, Verantwortung und queere Christ*innen geht? In seinem Blogartikel schreibt Simon Klaas über Ökumene zwischen Hoffnung, Schweigen und der Suche nach einem gemeinsamen Weg. Ein persönlicher Rückblick auf die Weltkonferenz in Ägypten, zu der der Ökumenische Rat der Kirchen anlässlich des Jubiläums des ersten ökumenischen Konzils von Nizäa eingeladen hatte.

Es braucht ja manchmal nur ein Wort. Ein Wort, das etwas auslöst: ein Gefühl, eine Erwartung oder gar eine Handlung. Ein Wort kann so viel verändern – zum Guten oder zum Schlechten. Wie geht der alte Witz? ‚Wie lautet das Zauberwort mit dem doppelten T? – Äh, flott, flott?!‘. Damit kommt man in der Ökumene wohl nicht sehr weit.

Um Unterschiede und Schwierigkeiten zu überwinden, half es Spiritualität miteinander zu teilen. © Foto: Belinda Fewings/unsplash | Um Unterschiede und Schwierigkeiten zu überwinden, half es Spiritualität miteinander zu teilen.

Das Wort, das die weltweite Ökumene vom 24. bis 28. Oktober 2025 in Wadi El Natrun, in Ägypten zur 6. Faith & Order-Weltkonferenz des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) zum Thema „Where now for visible unity?“ versammelte, lautet: Nizäa. Denn 1700 Jahre ist es her, dass auf dem ersten ökumenischen Konzil 325 n. Chr. eine erste Version jenes Glaubensbekenntnisses verabschiedet wurde, das bei allen Unterschieden von einer großen Mehrheit der Christ*innen bis heute gesprochen wird.

Nizäa war also das Wort und der Anlass, der die Faith & Order-Kommission bewogen hat nach über 30 Jahren wieder zu einer Weltkonferenz in die Sketische Wüste zu laden, als Gäste der Koptischen Kirche und ihres Papstes Tawadros II., 118. Papst auf dem Stuhl des Hl. Markus.

Fortbildung, Vernetzung, Verständigung

Bevor allerdings die Weltkonferenz begann, versammelten sich knapp zwei Wochen vorher ungefähr 70 junge Theolog*innen und kirchlich Aktive aus aller Welt für das Global Ecumenical Theological Institute (GETI). Ich war einer von ihnen. Dieses Programm soll den ökumenischen Nachwuchs fortbilden, vernetzen und anhand der zugleich stattfindenden Konferenzen des ÖRK an die Praxis der ökumenischen Verständigung heranführen.

Für mich waren zwei biographische Motivationen wichtig, um nach Ägypten aufzubrechen: Ich bin gebürtiger Genfer und meine Großmutter hat ihr Leben lang beim Lutherischen Weltbund (LWB) in Genf gearbeitet. Die internationale Atmosphäre Genfs und das Ökumenische Zentrum sind mir aus meiner Kindheit in guter Erinnerung – nicht zuletzt, weil meine Oma mir all diese wunderbaren Souvenirs aus aller Welt mitbrachte, wenn sie von einer der Konferenzen des LWB zurückkehrte.

Die andere Motivation ist etwas komplizierter: Ich bin schwul und ich bin froh und dankbar, dass das für meine Kirche (und meine Gemeinde) heute kein Thema mehr ist. Natürlich weiß ich, dass das in der weltweiten Ökumene leider anders aussieht. Die Teilnahme an GETI und der Weltkonferenz sollte für mich also auch eine Temperaturmessung werden – nicht nur in Bezug auf die Einheit der Christ*innen ganz allgemein, sondern eben auch in Hinblick auf das Thema LGBTQIA+.

„Make them love you first“

So trafen wir uns also am 12. Oktober im Logos Papal Center, das für GETI und die Weltkonferenz innerhalb weniger Monate um imposante Versammlungs- und Wohnkomplexe erweitert worden war, und wurden von Papst Tawadros II., weiteren Geistlichen und vielen wunderbaren Freiwilligen der Koptischen Kirche herzlich in Empfang genommen.

Die erste Woche war den eher schwierigen Themen, wie Flucht, Verfolgung und Trauma gewidmet – auch und gerade, weil wir uns ja in unmittelbarer Nähe zum Nahost-Konflikt befanden. Doch auch die Geschichte der koptischen Gläubigen bewegte uns alle sehr: Jede koptische Familie hat Erfahrungen mit Diskriminierung und Verfolgung gemacht. So verwundert es nicht, wenn das Märtyrertum bis heute bei ihnen eine große Rolle spielt. Bei unseren Studienfahrten nach Alexandria und Kairo waren die Spuren dessen unübersehbar: ob als Spuren von Terrorangriffen im Kirchengebäude oder als Gedenkorte für Märtyrer*innen.

Im Verlauf der ersten Woche begriff ich allerdings recht schnell: Bei den diskutierten Themen wurde unter anderem Deutschland, ob in Bezug auf den Nahen Osten oder insgesamt auf den Globalen Süden eher als Teil des Problems, denn als Teil der Lösung wahrgenommen. Da war an LGBTQIA+ gar nicht zu denken – allerdings auch mit Rücksicht auf unsere koptischen Gastgeber*innen und die Rechtslage in Ägypten. Eine unserer Dozent*innen, aus dem Libanon stammend, empfahl mir in Bezug auf die Kommunikation dieses Themas: „Make them love you first.“

Bis eine*r fragt

Ich muss zugeben, dass es zuweilen herausfordernd war, nicht mit allen so offen sein zu können. ‚Hast du Kinder?‘ ‚Nein.‘, ‚Hast du eine Frau?‘ – die Antwort hierauf hätte einfach ‚Nein‘ lauten können. Aber gut fühlt sich das nicht an. Wie lautet in so einer Situation das Zauberwort? ‚Nizäa‘ ist es wohl eher nicht… Gleichzeitig ist auch das wahr: Der Kontext gab anderen Stimmen und anderen Themen den Vorrang, meistens ergab sich ein Gespräch über meine Lebenssituation oder meine sexuelle Orientierung da gar nicht. Und das ist ja auch völlig in Ordnung – bis eben doch eine*r fragt…

Was uns bei allen komplizierten Gesprächen half: unsere Spiritualität miteinander zu teilen. Während die Morgengebete einem ökumenischen Liturgie-Entwurf folgten, wurden die Abendgebete jeweils von den entsprechenden Konfessionsfamilien gestaltet. Hier wurde die Vielfalt des Christentums wirklich sichtbar, auch mit ihren unterschiedlichen Anliegen und Themen.

Schließlich begann zum Ende der zweiten GETI-Woche die lang erwartete 6. Weltkonferenz, vormittags Plena und nachmittags Treffen in Fachsektionen, Workshops oder GETI-Lerngruppen. Der Geist von Nizäa wurde vielfältig beschworen, doch die Frage, die die Konferenz stellte, blieb meines Erachtens eher unbeantwortet: „Where now for visible unity?“ – Der Wille zur Einheit, der Wille gemeinsam als Christ*innen voranzugehen, sich gemeinsam für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung in der Welt einzusetzen, dieser Wille wurde immer wieder zum Ausdruck gebracht.

Aber es wurde auch deutlich: Ökumene kann nicht nur auf großen Konferenzen verhandelt werden, sondern sie muss sich an der Basis beweisen oder wie Jerry Pillay, Generelsekretär des ÖRK, es ausdrückte: „Ökumene muss die Kirchenbänke erreichen.“

Ein möglicher Weg nach vorn

Wie lautet nun also das Zauberwort? Immerhin, ‚Nizäa‘ hat uns alle zusammen geführt – ob zum GETI oder zur Weltkonferenz. Vieles blieb jedoch unausgesprochen oder vage, nicht zuletzt auch die Belange von queeren Christ*innen in der Welt.

Als GETI-Teilnehmer*innen erarbeiteten wir ein Dokument, das zum Abschluss der Weltkonferenz verlesen wurde: Theologisch hatten wir uns auf das asketische Prinzip der kenosis (Entäußerung, Entleerung) geeinigt, das als Weg für die Ökumene vorgeschlagen wurde, offener für die Belange der Marginalisierten zu werden und sich an ihre Seite zu stellen. Immerhin.

Vielleicht ist kenosis ein Wort und eine Haltung, die uns weiterbringt: Nicht so sehr das Eigene in den Mittelpunkt zu stellen, sondern sich frei zu machen für die Nöte der Anderen. Natürlich, wer mir als schwuler Pfarrperson die Daseinsberechtigung abspricht, dessen Bedürfnis kann ich schwerlich annehmen. Aber es sollte in mir Platz geben für die Nöte, wo ich als Deutscher, Europäer, als weißer Mann Verantwortung oder gar Schuld trage. Und es braucht Orte und Zeiten, wo wir uns in aller Unterschiedlichkeit begegnen können, unsere Sorgen vor Gott bringen und gemeinsam weiter daran wirken, dass die Verheißung der Einheit (in aller Verschiedenheit), die das Wort ‚Nizäa‘ in sich trägt, eben doch einst Wirklichkeit wird.

Achso, und das Zauberwort mit dem doppelten T? ‚Bitte.‘ – ‚Danke.‘ Hilft auch in der Ökumene.

Simon Klaas


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