Ostern in Syrien
Eigentlich sind Palmsonntag und Ostern in Syrien geprägt von Prozessionen, Blaskapellen und gemeinschaftlichen Feiern. Doch in diesem Jahr ist alles anders: Nach einem Angriff auf ein christliches Dorf in der Zentralregion mit Gewalt und Zerstörungen haben die Kirchen entschieden, alle öffentlichen Feierlichkeiten abzusagen. Stattdessen wird im Stillen gebetet – aus Solidarität und im Bewusstsein: „Leidet ein Glied, so leiden alle Glieder mit.“ Krieg, Migration und politische Spannungen prägen den Alltag vieler Christ*innen ohnehin seit Jahren. Die jüngsten Ereignisse zeigen erneut, wie fragil die Situation ist. Ninar Tawaifi aus Aleppo berichtet, wie sich das Leben und der Glaube in dieser Realität verändern – und warum Ostern trotz allem eine Quelle von Hoffnung bleibt.
© Foto: mikel mirjane/unsplash | Durch Nägel und Dornen wird das Leiden Christi sichtbar – eine Karfreitagsdarstellung in einer Region, die bis heute von Gewalt und Unsicherheit geprägt ist.
Wie hat sich die Situation der Christ*innen in den letzten Jahren aufgrund von Krieg, Migration und politischen Veränderungen entwickelt?
Die Situation der Christ*innen in Syrien hat sich durch den Krieg dramatisch verändert. Während einige Familien bereits vor 2011 auswanderten, beschleunigte der Krieg diesen Trend auf ein beispielloses Niveau. Heute leben christliche Familien nur noch selten vollständig zusammen – fast immer sind ein oder mehrere Mitglieder ausgewandert, und viele Familien haben das Land verlassen, um anderswo sicherer und stabiler leben zu können.
Im Vergleich zu vor einem Jahrhundert hat sich die demografische Realität verschoben, und heute ist die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch (aus verschiedenen Traditionen und Hintergründen). Die Christ*innen, die in Syrien bleiben, setzen ihr Leben fort, aber oft mit einem Gefühl der Unsicherheit. Die Zukunft wirkt unvorhersehbar, und Gewaltzyklen scheinen nie ganz zu enden.
© Foto: privat | Ninar Tawaifi
Welche Bedeutung haben christliche Feiertage für die öffentliche Wahrnehmung Syriens? Sind sie offiziell vom Staat anerkannt und werden öffentlich sichtbar gefeiert?
Christliche Feiertage wie Weihnachten sowie sowohl westliche als auch östliche Osterfeste sind offiziell als nationale Feiertage anerkannt, wobei es in der Regel nur einen offiziellen freien Tag pro Anlass gibt. Und Christ*innen in Syrien empfinden große Freude daran, ihre Häuser, Balkone, Kirchen und manchmal sogar Nachbarschaftsstraßen – besonders in Dörfern – während der Festzeiten zu dekorieren.
Nach Veränderungen im Regierungssystem sind in Städten – auch in christlichen Gebieten – extremistische Gruppen entstanden, die versuchen, Christ*innen daran zu hindern, ihre religiösen Traditionen auszuüben. Der Druck auf Kirchen hält in bestimmten Bereichen an – ichtbar etwa in einzelnen Vorfällen wie dem Bombenanschlag auf die St.-Elias-Kirche in Damaskus, dem Diebstahl der Paulusstatue und beleidigender Phrasen an Kirchenwänden. All das ist für viele Gläubige zu einer Quelle von Sorge und Angst geworden.
Welche besondere Bedeutung hat Ostern für Christ*innen in Syrien? Wie bereiten sich Christ*innen auf Ostern vor? Gibt es besondere Rituale und Feiern?
Für Christ*innen in Syrien hat Ostern eine tiefgreifende Bedeutung. Die Auferstehung Jesu Christi verleiht sowohl unserem Leben als auch unserem Tod Sinn. Selbst in Trauermomenten, wenn jemand verstirbt, ist es unter syrischen Christ*innen üblich, die Familie mit dem Ostergruß „Christus ist auferstanden“ zu trösten, anstelle der üblichen Beileidsbekundungen. Es ist eine Erklärung der Hoffnung – unsere grundlegende gute Nachricht.
Viele Christ*innen fasten zur Vorbereitung auf Ostern, auch wenn die Details je nach kirchlicher Tradition variieren. Neben dieser spirituellen Vorbereitung nehmen die Menschen an den liturgischen Gottesdiensten teil. Sonntagsschulen beschäftigen sich in dieser Zeit besonders mit der Aufklärung von Kindern und Jugendlichen über das Fasten und die Ereignisse im Leben Christi bis zu Ostern. Auch Pfadfinder*innengruppen und Blaskapellen der Kirche bereiten sich intensiv auf Palmsonntag und Ostern vor.
Einer der beliebtesten Bräuche ist das Kochen und Färben von Eiern, die auf den Ostertisch gelegt werden. Früher versammelten sich große Familien – Großeltern, Onkel, Tanten, Cousins und Enkelkinder –, um gemeinsam zu feiern und den Ostergruß zu tauschen. Heute gibt es weniger große Zusammenkünfte, und viele Traditionen haben sich verändert – auch aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage.
Wie erleben Christ*innen Ostern in ihren Beziehungen zu ihren muslimischen Nachbar*innen? Gibt es Anzeichen für gegenseitige Beteiligung oder Solidarität zwischen religiösen Gemeinschaften während religiöser Feiertage?
Viele muslimische Familien begegnen Christ*innen mit Offenheit und Akzeptanz und tauschen mit ihnen Feiertagsgrüße aus. Es ist auch üblich, dass Regierungsvertreter*innen christliche Kirchenleitende besuchen und ihnen zu ihren religiösen Festen gratulieren. Ebenso grüßen christliche Familien Muslim*innen zu ihren besonderen Anlässen.
Syrien ist seit Langem als Land bekannt, in dem Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen friedlich zusammenleben und religiöse Unterschiede akzeptiert werden. Und trotz des zunehmenden religiösen Extremismus in einigen Regionen gibt es nach wie vor viele Muslim*innen, die ihren Nachbar*innen und Kolleg*innen anderen Glaubens mit Freundlichkeit, Wohlwollen und in friedlicher Weise begegnen.
Warum werden in diesem Jahr vielerorts keine öffentlichen Osterfeierlichkeiten stattfinden?
Vor einigen Tagen kam es zu einem Angriff auf die vorwiegend christliche Stadt Suqailabiyya, in der Zentralregion. Dabei wurden Geschäfte verwüstet, Autos beschädigt und Eigentum zerstört – auch wenn wir dankbar sind, dass keine Menschen verletzt wurden. Als Reaktion darauf haben die christlichen Kirchen in Syrien gemeinsam entschieden, in diesem Jahr auf öffentliche Feierlichkeiten zu Palmsonntag und Ostern zu verzichten. Sie beziehen sich dabei auf den Vers: „Leidet ein Glied, so leiden alle Glieder mit.“ Es ist ein Zeichen der Solidarität untereinander, aber auch ein Versuch, die Menschen zu schützen.
Das bedeutet konkret: Es wird keine Prozessionen geben, keine Blaskapellen, keine Umzüge rund um die Kirchen, wie es sonst üblich ist. Stattdessen finden die Feiern im kleineren Rahmen innerhalb der Kirchen statt. Dort werden Gebete gesprochen – für Frieden, für Sicherheit und für eine Zukunft, in der Menschen wieder in Harmonie miteinander leben können.
© Foto: unsplash | An Karfreitag finden Prozessionen statt, um an den Leidensweg Christi zu erinnern.
Was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft der christlichen Gemeinden in Syrien?
Diese Tage mögen sich schwierig anfühlen, aber Herausforderungen sind in dieser Region nicht neu. Vor dreizehn Jahren hatte allein die Stadt Aleppo eine halbe Million Christ*innen; heute sind kaum zwanzigtausend übrig. In einem solchen Kontext leuchtet Hoffnung nicht immer hell. Die Herausforderungen sind nicht nur zahlreich, sondern auch gravierend. Und wenn wir über Hoffnung nachdenken, ist es schwer vorstellbar, dass sie nur für Christ*innen bestimmt ist. Welchen Wert hätte das?
Dialog und Offenheit gegenüber Anderen bleiben unerlässlich. Hoffnung entsteht aus Gebet und aus konkretem, wirksamem Handeln. Dennoch ist es schwierig, von Hoffnung zu sprechen, wenn politische Ambitionen die tägliche Realität prägen. Leider erfordert die Aufrechterhaltung von Hoffnung große Anstrengung und Opfer – sowohl von denen, die unterstützen, als auch von denen, die unterstützt werden.
Doch trotz aller Schwierigkeiten werden wir weiterhin an dem unveränderlichen Versprechen Gottes festhalten. Wir glauben, dass Gott niemals ein Volk verlassen hat. Unsere Gemeinschaften versammeln sich immer noch, beten noch, feiern weiterhin die Auferstehung und vertrauen darauf, dass Licht selbst aus den dunkelsten Umständen aufsteigen kann.
Das Interview führte Katrin Lüdeke.
Zur Person
Ninar Tawaifi wurde in Aleppo, Syrien, geboren und lebt bis heute dort. Sie hat Medizinelektronik studiert und arbeitet seit 2022 bei der Bibelgesellschaft in Syrien, aktuell als Programmbeauftragte.
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