Weihnachten in Nigeria

Nigeria ist das Weltgebetstagsland 2026. Knapp die Hälfte der Menschen, die hier leben, sind Christ*innen. Knapp die andere Hälfte sind Muslim*innen. Wie feiert man Weihnachten in einem multireligiösen Vielvölkerstaat? Safiya Byo erzählt im Interview von besonderen nigerianischen Weihnachtstraditionen.

Die Regierungen der Bundesstaaten sponsern manchmal öffentliche Beleuchtungsprojekte. © Foto: privat | Die Regierungen der Bundesstaaten sponsern manchmal öffentliche Beleuchtungsprojekte.

In Nigeria sind die meisten Menschen religiös. Das Christentum und der Islam sind mit beinahe jeweils 50 Prozent der Anhänger*innen die beiden größten. Welche Rolle spielen christliche Feiertage in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung in Nigeria?

Safiya Byo © Foto: privat | Safiya Byo

Christliche Feiertage wie Weihnachten, Karfreitag und Ostermontag sind nationale Feiertage, die das kulturelle, soziale und politische Leben in ganz Nigeria prägen. Ihr Einfluss geht weit über die religiöse Praxis hinaus und berührt fast jeden Bereich des öffentlichen Lebens. Während dieser Feierlichkeiten nehmen oft auch Nichtchrist*innen an gemeinsamen Festessen, Geschenken und Besuchen bei Freund*innen teil. Dieses gemeinsame Engagement schafft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und nationalen Festlichkeit, das dazu beiträgt, religiöse Spaltungen zu mildern, wenn auch nur für kurze Zeit. Weihnachtstraditionen, Essen, Musik und gemeinschaftliche Zusammenkünfte sind mittlerweile fest in der nigerianischen Populärkultur verankert, während die wirtschaftlichen Auswirkungen ebenso bedeutend sind, mit einem Anstieg der Reisetätigkeit, des Einzelhandels, der Unterhaltung und der Gastronomie.

Diese Feiertage stärken auch die Identität Nigerias als zutiefst religiöse Gesellschaft. Verweise auf Weihnachten und Ostern sind in Regierungs-, Unternehmens- und sozialen Kontexten weit verbreitet. Religiöse Führungspersonen nutzen diese Momente oft, um moralische und nationale Anliegen anzusprechen und den öffentlichen Diskurs mit Botschaften der Einheit, des Friedens und der Reform zu beeinflussen. Die gemeinsame Feier fördert den gegenseitigen Respekt zwischen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen, insbesondere in vielfältigen Gemeinschaften. Auch Politiker*innen nutzen diese Zeit, um durch Botschaften der guten Absichten, die die nationale Einheit und religiöse Toleranz betonen, eine Verbindung zu den Bürger*innen herzustellen und damit die politische Bedeutung dieser Feiertage für den sozialen Zusammenhalt hervorzuheben.

Das Christentum kam durch Kolonisierung und Mission nach Nigeria. Haben sich Einflüsse der indigenen Religionen, die zuvor praktiziert wurden, in der heutigen Glaubenspraxis mancher Christ*innen erhalten? Wenn ja, gibt es dafür Beispiele?

An Weihnachten isst man gemeinsam und bringt selbst andersgläubigen Nachbar*innen Essen vorbei. © Foto: privat | An Weihnachten isst man gemeinsam und bringt selbst andersgläubigen Nachbar*innen Essen vorbei.

Obwohl das Christentum durch koloniale und missionarische Einflüsse eingeführt wurde, sind Elemente der indigenen Kultur nach wie vor tief in der Art und Weise verwurzelt, wie viele nigerianische Christ*innen heute Weihnachten feiern. Eine der stärksten Verbindungen ist der gemeinschaftliche Charakter der Feierlichkeiten. Traditionelle afrikanische Religionen legten mehr Wert auf Gemeinschaftstreffen, Verwandtschaft und gemeinschaftliche Feiern als auf individuelle Praktiken. Dieser Geist lebt auch heute noch fort, wenn Familien weite Strecken zurücklegen, um sich zu versammeln und Weihnachten mit der ganzen, erweiterten Familie zu feiern.

Musik, Trommeln und Tanz – zentrale Elemente des traditionellen Gottesdienstes – beeinflussen auch weiterhin die christlichen Weihnachtsfeierlichkeiten. Viele Kirchen integrieren lokale Instrumente und Rhythmen in ihre Weihnachtsgottesdienste und festlichen Andachten. Traditionelle Glaubensvorstellungen rund um spirituellen Schutz, Reinigung und Segen kommen während der Silvestergottesdienste zum Ausdruck, in denen die Menschen um Führung, Schutz und Wohlstand im kommenden Jahr beten. Diese Praktiken spiegeln eine Mischung aus christlichem Glauben und indigener Kosmologie wider.

Wird Weihnachten auf irgendeine Weise öffentlich gefeiert oder wird offensichtlich? Etwa durch Weihnachtsschmuck oder Weihnachtsbeleuchtung?

Weihnachten wird in ganz Nigeria, insbesondere in den großen städtischen Gebieten, ausgiebig gefeiert und ist sehr sichtbar. Dekorationen, Lichter, Musik und Märkte sorgen während der gesamten Saison für eine lebhafte Atmosphäre. Kirchen, insbesondere größere Gemeinden, sind mit Krippen, Blumen, Lichtern und Weihnachtsbäumen geschmückt. Schulen veranstalten Weihnachtsliedersingen und Krippenspiele, die ein großes Publikum anziehen.

Auch Schulen veranstalten Weihnachtsliedersingen © Foto: privat | Auch Schulen veranstalten Weihnachtsliedersingen

Städte wie Lagos, Abuja, Jos und Port Harcourt schmücken Kreisverkehre, Einkaufszentren, Straßenlaternen und öffentliche Gebäude mit festlichen Lichtern und Bannern. In Geschäftsvierteln werden große Weihnachtsbäume, LED-Displays und Installationen zum Thema Weihnachtsmann aufgestellt. Die Regierungen der Bundesstaaten sponsern manchmal öffentliche Beleuchtungsprojekte, wie beispielsweise das Calabar-Festival oder die Light Up Lagos-Initiativen, die den ganzen Dezember über Parks und Hauptstraßen erhellen. Auch viele Häuser und Nachbarschaften schmücken sich mit Weihnachtsbeleuchtung, wobei die Stile je nach Gemeinde variieren. Die Klänge der Musik, der Duft festlicher Speisen und die allgemeine Fröhlichkeit machen diese Jahreszeit unverkennbar.

Der Calabar-Karneval im Bundesstaat Cross River ist das bekannteste Beispiel für öffentliche Feierlichkeiten – ein einmonatiges Festival mit Paraden, Konzerten, Kostümen und kulturellen Darbietungen. Parks und Freizeitzentren füllen sich mit Familien, die Fotos machen, picknicken und die festlichen Darbietungen genießen. Auch Geschäfte, Banken und Märkte spiegeln die Jahreszeit mit Musik und Dekorationen wider, während die gesamte Wirtschaft in den Bereichen Reisen, Gastronomie, Einzelhandel und Unterhaltung eine Hochphase erlebt.

Wie wird Weihnachten in den christlichen Gemeinden und/oder von den Christ*innen selbst gefeiert? Gibt es besondere Gottesdienste, Rituale oder Ähnliches?

Während die Feierlichkeiten je nach Konfession und Kultur variieren, teilen die meisten nigerianischen Christ*innen während der Weihnachtszeit eine Reihe von Traditionen. Im überwiegend christlichen Süden sind die Feierlichkeiten weit verbreitet und ausdrucksstark, im überwiegend muslimischen Norden sind öffentliche Bekundungen im Allgemeinen zurückhaltender. Die Saison beginnt bereits Wochen zuvor mit Adventsgottesdiensten, insbesondere in katholischen und anglikanischen Kirchen. Häuser und Kirchen werden gereinigt und mit Blumen, Lichtern, Bäumen und Krippen geschmückt, während Chöre Weihnachtslieder und Theateraufführungen einstudieren.

Singen gehört fest zum Weihnachtsgottesdienst dazu. © Foto: privat | Singen gehört fest zum Weihnachtsgottesdienst dazu.

Weihnachtsgottesdienste in Kirchen, Schulen und Organisationen umfassen Lesungen aus der Heiligen Schrift, Musik, Theater und Tanz, wobei christliche Hymnen mit afrikanischen Musikstilen kombiniert werden. Am 24. Dezember besuchen viele Christ*innen Mitternachtsmetten, um den Weihnachtstag zu begrüßen. Diese Gottesdienste beinhalten Lobpreis, Anbetung, Gebete und Predigten, die sich mit der Geburt Jesu Christi befassen, und finden in einigen Kirchen in Form von liturgischen Nachtwachen statt, die von Zeugnissen und ausgedehnten Lobpreisungen geprägt sind.

Der 25. Dezember ist der Höhepunkt der Weihnachtszeit. Die Familien kleiden sich in ihre besten Gewänder für besondere Weihnachtsgottesdienste, die von fröhlichem Gesang, Tanz und Danksagung geprägt sind. Die Gaben für die Kollekte sind oft großzügiger, da die Menschen ihre Dankbarkeit für das Leben und den Segen zum Ausdruck bringen. Danach kommen Familien und Freund*innen zusammen, um gemeinsam zu essen und zu feiern. Es ist üblich, dass Haushalte ihren Nachbar*innen, auch denen anderer Glaubensrichtungen, Essen schicken, was den Geist der Großzügigkeit widerspiegelt, der diese Zeit prägt.

Das Interview führte Tanja Stünckel.


Zur Person

Safiya Byo ist Theologin und Leiterin des Gästehaus der EYN (Kirche der Geschwister in Nigeria/Ekklesiyar Yan’uwa a Nigeria) in Jos und eine leidenschaftliche Schriftstellerin und Verfechterin von Glauben, Geschlechtergerechtigkeit, sozialer Gerechtigkeit und Gemeindeentwicklung in Nigeria. Sie glaubt an die Kraft des Wortes, Hoffnung zu wecken, Veränderungen anzuregen und die Bindungen zu stärken, die Gemeinschaften zusammenhalten.


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