Alles auf Anfang

Gibt es heute noch eine deutsche Erinnerungskultur? Viel wird über sie diskutiert und debattiert, begleitet vom oft wiederholten Slogan „Nie wieder ist jetzt“. Doch haben diese Debatten noch Substanz? Diesen Fragen gehen Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker in ihrem Buch „Alles auf Anfang: Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur“ nach. Matt Barlow hat es für uns gelesen.

Alles auf Anfang, Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker, Verlag: S. Fischer, ISBN: 978-3-10-397686-1 © Foto: S. Fischer/Fallon Michael/unsplash | Alles auf Anfang, Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker, Verlag: S. Fischer, ISBN: 978-3-10-397686-1

Als Person of Color und als jemand mit jüdischem Hintergrund setzen sich die Autor*innen mit der gewaltvollen Geschichte Deutschlands auseinander – nicht nur mit der NS-Zeit, sondern auch mit der jüngeren Geschichte rassistischer Gewalt seit den 1990er Jahren, etwa dem NSU-Terror.

Die Krise der deutschen Erinnerungskultur

Ausgangspunkt des Buches ist eine Enttäuschung: Die 2010er Jahre wirkten wie ein Höhepunkt kultureller Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte und einer zunehmend diversen Gesellschaft. Die Diskussionen schienen ein neues Bewusstsein zu schaffen und in der breiteren Öffentlichkeit anzukommen. Doch angesichts erstarkender rassistischer und völkischer Bewegungen zeigt sich, dass das Erinnern an die deutsche Gewaltgeschichte nicht zu der erhofften tiefgreifenden kritischen Auseinandersetzung geführt hat.

In Form eines Briefwechsels diskutiert das Autor*innen-Duo diese Entwicklungen, teilt persönliche Erfahrungen und formuliert zugleich die Hoffnung auf eine neue Bewegung und ein geschärftes Bewusstsein. Es geht um eine Erinnerungskultur, die die Fehler der Vergangenheit ernst nimmt und die Realitäten der Gegenwart nicht ausblendet. Denn, wie sie schreiben: „Es gibt uns. Es hat uns gegeben. Es wird uns weiterhin geben. Und an uns müssen diejenigen vorbei, die die Uhr dieser Gesellschaft zurückdrehen wollen.“

Ein ebenso kluges wie kämpferisches Buch über den gesellschaftlichen Rechtsruck – getragen von Witz, Melancholie, Widerstand und Mut.

Über die Autor*innen

Max Czollek wurde in Berlin geboren und lebt dort bis heute. Er studierte Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und promovierte anschließend am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Czollek ist Mitglied des Lyrikkollektivs G13 sowie Mitherausgeber des Magazins „Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart“. Neben vielen anderen Dingen ist Max Czollek zudem zusammen mit Hadija Haruna-Oelker Host des Erinnerungspodcasts „Trauer & Turnschuh“.

Hadija Haruna-Oelker ist Politikwissenschaftlerin und lebt und arbeitet als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Neben vielen anderen Dingen schreibt sie in der Frankfurter Rundschau eine monatliche Kolumne. Außerdem ist sie zusammen mit Max Czollek Host des Erinnerungspodcasts „Trauer & Turnschuh“. Darüber hinaus ist sie Teil des Journalist*innenverbandes Neue Deutsche Medienmacher*innen (NDM) und der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD).

Matt Barlow


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