Americanah
„Americanah“ ist ein beeindruckendes Werk. Gesellschaftskritisch, politisch, tiefgründig – und dabei unterhaltsam, amüsant, manchmal sogar schmerzhaft ehrlich. Chimamanda Ngozi Adichie nimmt kein Blatt vor den Mund, und das auf eine Art, die noch lange nachwirkt. Katrin Lüdeke hat das Buch für uns gelesen.
© Foto: fischer/Fallon Michael/unsplash | Americanah, Chimamanda Ngozi Adichie, Verlag: Fischer, ISBN: 978-3-596-18598-6
Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie zählt nicht umsonst zu den großen Stimmen der Weltliteratur. Ihr Werk wurde in über 55 Sprachen übersetzt, für „Americanah“ erhielt sie unter anderem den Heartland Prize for Fiction und den National Book Critics Circle Award.
Im Zentrum des Romans „Americanah“, der bereits 2023 erschien, steht Ifemelu. Adichie erzählt von Ifemelus Aufwachsen in Nigeria, ihrem Schul- und Unileben, ihrem Wechsel in die USA – ausgelöst durch Streiks an der Uni, die ihr das Studieren unmöglich machten – und ihrer Karriere als scharfzüngige Bloggerin. In Amerika wird Ifemelu zum ersten Mal mit ihrem Schwarzsein konfrontiert. In Nigeria spielte es keine Rolle. Jetzt muss sie sich neu damit auseinandersetzen, wer sie eigentlich ist und sein will.
Auf ihrem Blog analysiert die Protagonistin messerscharf den amerikanischen Alltag – erst aus der Perspektive einer Außenstehenden, dann von mittendrin. Sie beobachtet, wie sich die Lebensrealitäten von afroamerikanischen und nicht-amerikanischen Schwarzen unterscheiden, von Armen und Reichen, von Frauen. Natürlich kommt so ein Blog nicht ohne Provokation, Übertreibungen und Stereotypen aus, aber auch die Stereotypen einer Gesellschaft sagen viel über sie aus. Und genau da bewegen sich Blog und Buch: Zwischen Gesellschaftsanalyse und -kritik, zwischen sichtbarem und subtil internalisiertem Rassismus.
Neben Persönlichem und Alltagserlebnissen greift Adichie auch politische Themen auf, etwa den Wahlkampf von Barack Obama (Ist 2008 wirklich schon so lange her?) und was die Wahl für Schwarze bedeutet. „Aber wenn er gewinnt, wird er nicht länger Schwarz sein, genauso wie Oprah nicht mehr Schwarz ist, sondern nur Oprah”.
Provokation, Politik und Popkultur
Was mich überrascht hat: Es ist witzig. Trotz all der Schwere, der Themen und der Klarheit in der Analyse – es ist auch unterhaltsam. Gleichzeitig hält es mir als weißer Leserin den Spiegel vor. So fordert Ifemelu in einem Blogbeitrag ihre Leser*innen heraus, sich mit dem eigenen internalisierten Rassismus auseinanderzusetzen: „Wenn ihr hautfarbene Unterwäsche tragt oder hautfarbene Pflaster benutzt, wisst ihr dann schon im Voraus, dass sie nicht zu eurer Hautfarbe passen werden?“ und „Wenn [Menschen] einen Film ‚Mainstream‘ nennen, meinen sie: Weiße mögen ihn oder haben ihn gemacht. Wenn sie ‚urban‘ sagen, heißt das Schwarz, arm, möglicherweise gefährlich und potentiell aufregend. ‚Rassistisch belastet‘ heißt, es ist uns unangenehm ‚rassistisch‘ zu sagen.“
Adichie gelingt es, strukturellen Rassismus sichtbar zu machen – und das auf eine Art, die sich auf die subtilen Details konzentriert. Es geht um Wortwahl, Kleidung, Selbst- und Fremdbestimmung, was welche Frisur impliziert, was Hautbleichmittel und chemische Haarglättung mit dem Körper machen, wie gesprochen wird – Igbo, Yoruba, Schwarzes Englisch oder mit der „Die Weißen beobachten uns-Stimme“. Immer wieder zeigen sich hier Adichies starke rhethorische Fähigkeiten, die sie auch in ihren bekannten Ted-Talks („The Danger of a Single Story“ und „We Should All be Feminists“) unter Beweis gestellt hat.
Eine Gesellschaftsanalyse kommt nicht drumherum, auch Beziehungen und Liebe zu thematisieren, also here we go: Die Rahmenhandlung konzentriert sich auf die Liebesgeschichte von Ifemelu und Obinze, die sich in der Schule kennenlernen, deren Wege sich schließlich trennen und die schließlich wieder aufeinandertreffen. Ifemelu erzählt auch von ihren amerikanischen Partnern, dem heißen weißen Boyfriend Curtis, dem afroamerikanischen Yale-Professor Blaine. Dabei geht es immer wieder um die Frage, welche gesellschaftlichen Ideale und Ansprüche sich in die eigene Beziehungsdynamik einschleichen und den Umgang damit.
Identität zwischen den Welten
Wir lesen von Ifemelus Tante Uju, die in Nigeria als Affäre von einem hochrangigen General ein gutes Leben führte, nach dessen Ermordung aber mit mit Kind in den USA ganz neu anfängt. Oder von ihrem Cousin Dike, der als Kleinkind nach Amerika kommt und in einer weißen Mehrheitsgesellschaft ganz anderen Problemen gegenübersteht. Wir begleiten Obinze, dem das Visum nach Amerika verwehrt blieb, und der in Großbritannien mit Schwarzarbeit, Scheinehe und Abschiebung konfrontiert wird, um sich schließlich in Nigeria ein Immobilienimperium aufzubauen.
Diese Geschichten verwebt Adichie zu einem großen Panorama. Alle eint das Ringen um Identität, um den Wunsch nach Anerkennung, nach Würde, nach Liebe.
Unbedingt lesen: „Americanah“ ist eins der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe und eins, das ich uneingeschränkt jeder Person empfehlen würde. Wen diese Einblicke in das Buch noch nicht überzeugt haben, es sofort auf die Leseliste zu packen: Das Buch steht übrigens in Florida auf der Liste der Bücher, die aus Schulbibliotheken und dem Unterrichtsplan ausgeschlossen wurden, und ist nicht umsonst ein Bestseller geworden. Schon Adichies Debütroman „Blauer Hibiskus“ war für den Booker Prize nominiert und der im März 2025 erschienene Roman „Dream Count“ steht auf der Longlist für den renommierten Women’s Prize for Fiction 2025. Wer also nach „Americanah“ noch mehr will: Es gibt Nachschub.
Katrin Lüdeke
Verwandte Artikel
Das Mädchen mit der lauternen Stimme
Was bedeutet es, gehört zu werden – in einer Welt, die Mädchen und Frauen systematisch zum Schweigen bringt? In ihrem Debütroman „Das Mädchen mit der lauternen…
Fast alle Männer in Lagos sind verrückt
Willkommen in Lagos – laut, widersprüchlich und voller Geschichten. In ihrem Erzählband zeichnet Damilare Kuku pointiert, witzig und zugleich schonungslos…
Dream Count
Chimamanda Ngozi Adichie ist zurück – mit einem Roman über Freundschaft, Gewalt und Widerstandskraft. In Dream Count erzählt die nigerianische Autorin…