Ausgeschöpft?
Was hat Klimaaktivismus mit Glaube zu tun? Anna Böck zeigt in „Ausgeschöpft? Glaube in der Klimakatastrophe“, dass beides untrennbar verbunden ist. In kurzen, inspirierenden Texten reflektiert sie über Verantwortung, Hoffnung und die Rolle der Kirche in Zeiten der Klimakrise. Persönlich, theologisch und zugleich ganz praktisch lädt das Buch dazu ein, neu über Glauben, Sprache und Handeln nachzudenken. Katrin Lüdeke hat das Buch für uns gelesen.
© Foto: Neukirchner/Fallon Michael/unsplash | Ausgeschöpft?, Anna Böck, Verlag: Neukirchner, ISBN: 978-3-761-57065-4
„Warum kann eine Pfarrerin Klimaaktivistin sein? Warum ist es lohnenswert, ein Buch darüber zu lesen?“ Mit diesen Fragen im Vorwort beginnt das Buch und – ja, warum? Let me answer that for you mit einer Gegenfrage: Nun, was spricht dagegen? Nichts. Im Gegenteil: Mit ihrem Buch „Ausgeschöpft. Glaube in der Klimakatastrophe“ lädt Anna Böck zur Auseinandersetzung mit den Themen Glaube, Klima und Verantwortung ein. Eine Auseinandersetzung, um die niemand drum herum kommt oder kommen sollte. Dieses Buch hilft dabei, die richtigen Fragen zu stellen.
Wer sich mit Klimaaktivismus und Kirche auseinandergesetzt hat, dem wird Anna Böck schon ein Begriff sein. 2023 nahm sie an einer Straßenblockade der Letzten Generation teil und steht dafür vor Gericht, der Prozess ist durch Vertagungen bisher nicht abgeschlossen. Die ehemalige Pfarrerin, auf Social Media unter @PfarrerToGo zu finden, arbeitet als Lektorin im Neukirchner Verlag, in dem auch ihr Buch erschienen ist. Sie ist außerdem Herausgeberin von Andachtsbüchern, kuratiert den Instagramkanal MeetGodHere – das dazugehörige Buch über Himmelsorte ist ebenfalls im Neukirchner Verlag erschienen – und engagiert sich im Fresh-X-Vorstand.
Wie ein Kaleidoskop
Das Buch ist „eine lose Blattsammlung“, wie Anna Böck selbst schreibt. In kurzen Kapiteln und Abschnitten geht es um eine Vielzahl von Themen – Heimat, Gerechtigkeit, Gebet, Sprache, Macht, Kirche, um einige zu nennen – das Spektrum ist ebenso breit wie die Perspektiven. Das Buch bewegt sich dabei zwischen Persönlichem, Anekdoten und Erfahrungen, wissenschaftlichen und theologischen Aspekten der Klimakrise, Politik und Gesellschaft. Dabei kommen auch Gastautor*innen zu Wort – zum Beispiel Sarah Vecera über den Zusammenhang von Klimagerechtigkeit und Postkolonialismus oder Micha Kunze mit einer poetischen Auseinandersetzung der Schöpfungsgeschichte.
Die kurzen Abschnitte sind in Themencluster eingeteilt, stehen aber für sich allein. Dadurch lässt sich „Ausgeschöpft“ kreuz und quer lesen. Es fühlt sich ein bisschen an wie ein Pinterest-Board, nur ohne die bunten Bilder. Eine Mediensammlung gibt es nämlich auch, Verweise auf Bücher, Filme, Podcasts und Musik sind darin enthalten. Immer wieder wird der Flow der Texte durch kleine Impulse unterbrochen, die auffordern, selbst aktiv zu werden: Gebete, Fragen und Platz für eigene Gedanken und Ideen, und ein veganes Muffinrezept. Diese Mischung macht das Buch zu einem kaleidoskopartigen Leseerlebnis.
Theologisch, theoretisch und ganz praktisch
Bei der Vielfalt der Themen und Beiträge lässt es sich nicht vermeiden, auch schon auf Bekanntes zu stoßen. Um die Schöpfungsgeschichte und das Wort „Klimakleber*in“ kommt man nicht drumherum. Na klar wird auch hier biblisch begründet, warum Christ*in sein und Aktivist*in sein sich nicht ausschließt, sondern verknüpft ist. Aber es geht um mehr, auch ganz praktisch – um Gemeindealltag, um Gottesbilder, um die Zukunft der Welt und der Kirche, um Sprache, Macht, Emotionen, Ungerechtigkeiten und Veränderung.
Konsequenterweise wird hier natürlich auch gegendert, G*tt wird mit weiblichen Pronomen benutzt. Sprache prägt unser Denken und Denken beeinflusst unser Handeln. Deutlich wird hier auch: Die Klimakrise kann nicht einzeln betrachtet werden, sie steht in Verbindung mit allen Aspekten unserer Gesellschaft.
Zwischen Tiefe und Oberfläche
So groß das thematische Feld auch ist – in dieser Vielfalt lässt sich nicht so sehr in die Tiefe gehen. Viele Themen werden angerissen, sie weiter zu denken, liegt bei den Leser*innen. „Ausgeschöpft“ ist ein ermutigender Impulsgeber. Das Buch bietet keine fertigen Antworten, denn die gibt es in der Klimakrise leider nicht, aber es befähigt, eigene Antworten zu finden und sprachfähig zu werden.
Es ist ein Buch für alle, die sich manchmal gelähmt fühlen angesichts der menschengemachten Klimakatastrophe. „Ausgeschöpft“ ist vielfältig und vielstimmig, es gibt Hoffnung, Orientierung und Handlungsspielraum. Und genau deshalb ist es lohnenswert zu lesen.
Katrin Lüdeke
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