Bittere Orangen

Wer unsere Orangen erntet, bleibt für viele Konsument*innen unsichtbar. Der Anthropologe Gilles Reckinger macht die Lebensrealitäten von Migrant*innen in Süditalien sichtbar und zeigt schonungslos, wie Ausbeutung, rechtliche Grauzonen und globaler Preisdruck ein neues Gesicht der Sklaverei in Europa hervorbringen. Matt Barlow hat das Buch für uns gelesen.

Bittere Orangen, Gilles Reckinger, Verlag: Peter Hammer, ISBN: 978-3-7795-0769-7 © Foto: Peter Hammer/Fallon Michael/unsplash | Bittere Orangen, Gilles Reckinger, Verlag: Peter Hammer, ISBN: 978-3-7795-0769-7

Wer erntet unsere Orangen? Und wie leben die Personen, die es tun? Nach dem Lesen dieses Buches wird klar, dass sich viel zu wenige Konsument*innen diese Frage stellen, geschweige denn etwas gegen die Antwort tun. Viele Menschen erwarten nicht, dass die Ausbeutung von Arbeitskräften und die offizielle Gleichgültigkeit – wenn nicht gar Feindseligkeit – gegenüber den Menschen so groß ist, die bei der Ernte von Obst und Gemüse in Süditalien eine Schlüsselrolle spielen.

Doch in Süditalien ist neben der unzureichenden Aufmerksamkeit, die den gerade erst geretteten Flüchtlingen zuteil wird, das, was der Autor Gilles Reckinger als „neues Gesicht der Sklaverei“ bezeichnet, in Europa entstanden. Flüchtlinge und Migrant*innen, vor allem aus afrikanischen Ländern, die bereits die Erstaufnahme durchlaufen haben, aber nicht die vollen Rechte genießen, überall in der EU zu leben und zu arbeiten. Menschen, die in rechtlichen und bürokratischen „Grauzonen“ leben. Sie werden für ihre Arbeit ausgebeutet, unterbezahlt (wenn überhaupt), von Ortsansässigen und rassistischen Hooligans schikaniert, von den lokalen Behörden ignoriert und von nationalen und EU-Behörden und Hilfsorganisationen bestenfalls als Problem behandelt, das nur eine kurzfristige Lösung braucht.

Belastung oder Stütze der Gesellschaft?

Doch die Probleme liegen tiefer, sind mit den wirtschaftlichen und demografischen Problemen Süditaliens verknüpft und werden durch den internationalen Lebensmittelhandel, der ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, noch verschärft. Während Reckinger seine Aufmerksamkeit auf die Geschichten und Schwierigkeiten der Menschen in den Lagern und die irregulären Arbeitsverhältnisse richtet, bleibt der rechtliche und bürokratische Aspekt immer im Hintergrund. Die Situation ist fast schon kafkaesk: Regierungen und sogar Hilfsorganisationen glauben, dass durch eine einfache Änderung von Definitionen oder Gesetzen die Probleme irgendwie gelöst werden könnten. Dies zeigt die Selbsttäuschung der Verantwortlichen, die weit von den tatsächlichen Gegebenheiten entfernt ist.

Natürlich könnten viele Bücher über die Migrationspolitik in den EU-Ländern geschrieben werden, und das ist auch geschehen. Reckinger konzentriert sich in seinem Buch auf Personen, die er im Laufe seiner jahrelangen anthropologischen Arbeit vor Ort in Süditalien beobachtet und zu denen er Beziehungen aufgebaut hat. Denn neben dem Versagen der Politik und der Zivilgesellschaft angesichts der Migration kann leicht in Vergessenheit geraten, dass es sich letztlich um Menschen handelt. Menschen mit ihren eigenen Geschichten, Hoffnungen, Träumen und Familien. Menschen, die ausgebeutet werden und doch nur ein Teil eines größeren Ausbeutungssystems sind. Menschen, die von Politiker*innen und Medien verteufelt werden und ohne die jedoch ein wichtiger Teil der süditalienischen Wirtschaft völlig zusammenbrechen würde. Sie sind die Gesichter der neuen Sklaverei in Europa. Es ist schon lange an der Zeit, dass wir diese Gesichter zu sehen bekommen. Und genau diese Gesichter versucht das Buch „Bitte Orangen“ zu zeigen.

Matt Barlow


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