Nicht binär leben
Nicht-binäre Menschen sind in unserer Gesellschaft präsent – und bleiben trotzdem oft unsichtbar. Viele Menschen glauben, keine nicht-binären Personen zu kennen. Aber stimmt das wirklich? Vermutlich gibt es ein großes Dunkelfeld, weil unsere gesellschaftliche Realität sie noch immer nicht wirklich willkommen heißt und viele diskriminierende Strukturen bestehen. Genau hier setzt Birgit Palzkills erzählendes Sachbuch „Nicht binär leben“ an, das Katrin Lüdeke für uns gelesen hat, und fragt: Was bedeutet es eigentlich, in unserer Gesellschaft nicht-binär zu leben?
© Foto: w_orten & meer/Fallon Michael/unsplash | Nicht binär leben, Birgit Palzkill, Verlag: w_orten & meer, ISBN: 978-3-945644-46-1
Die Öffentlichkeit tut sich noch immer schwer damit, nicht-binäre Menschen selbstverständlich mitzudenken. In Formularen lässt sich mittlerweile vielleicht nicht mehr nur zwischen „Frau“ und „Herr“ wählen, aber Theorie und Praxis gehen dann doch auseinander. Einige prominente Beispiele zeigen das: Nemo erlangte durch den Sieg beim Eurovision Song Contest 2024 internationale Bekanntheit, Kim de l’Horizon gewann 2022 den Deutschen Buchpreis. In der Berichterstattung wurden beide immer wieder mit falschen Pronomen benannt. Musiker*in Demi Lovato hatte 2021 ein Coming-out als nicht-binär und verwendete zunächst die Pronomen they/them, später jedoch wieder she/her – auch weil das ständige Erklären der eigenen Pronomen belastend war. Denn unsere Welt ist nach wie vor binär organisiert: von Toiletten und Umkleiden bis hin zu Kleidung, Sprache und Denken.
Im Alltag
Mit welchen Herausforderungen nicht-binäre Menschen zu kämpfen haben und wie sie leben, damit hat sich Birgit Palzkill in „Nicht binär leben“ beschäftigt. Das Buch gibt viele Einblicke und beantwortet Fragen, die man vielleicht schon immer hatte, aber keine Gelegenheit sie zu stellen. Neben den biografischen Zwischenkapiteln geben zahlreiche Interviewzitate Einblicke in verschiedene Aspekte nicht-binären Lebens zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Das Buch zeigt, wie viele Bereiche des Alltags von Geschlecht geprägt sind. Es erzählt von Körpereuphorie und Körperdysphorie – also davon, wie sehr der eigene Körper dem Selbstbild entspricht – , Coming-outs, (Neo-)Pronomen und Misgendern, Austausch, Vernetzung und was die rechtliche Anerkennung konkret bedeutet. Davon, wo Safe Spaces entstehen und wo man sich ständig erklären muss – oder lieber in eine gesellschaftlich erwartete Rolle schlüpft, als die eigene Identität immer wieder zu rechtfertigen. Manche Aspekte nicht-binären Lebens werden durch den Wechsel zwischen biografischen Erzählungen, persönlichen Zitaten und Erklärungen mehrfach aufgegriffen, aber aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.
Jenseits aller Schubladen
Deutlich wird: Nicht-binär zu leben bedeutet nicht, einfach eine weitere Schublade mit festen Merkmalen zu öffnen. Agender, androgyn, genderfluid, polygender, genderfrei oder nicht-binär – Geschlecht ist ein Spektrum und keine starre Kategorie. Manche Menschen lehnen die Kategorien Frau und Mann vollständig ab, andere bewegen sich zwischen ihnen. Welche Pronomen verwendet werden, in welchem Körper man sich wohlfühlt oder wie offen man mit der eigenen Identität umgeht, ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst.
Gerade die Zwischenkapitel, in denen nicht-binäre Menschen ihren Lebensweg erzählen, sind intensiv und persönlich und bilden die Vielfalt nicht-binärer Lebensrealitäten ab. Wann haben sie gemerkt, dass sie nicht-binär sind? Wie verlief der Weg zur eigenen Identität? Wie hat das Umfeld reagiert? Wie sehen Partnerschaft und Elternschaft aus? Wie ist es im Beruf? Und wo nimmt man eher in Kauf, wie ein*e Schauspieler*in in eine Rolle zu schlüpfen und im Büro oder beim Einkaufen nicht man selbst sein zu können – und wo lieber, die eigene Identität immer wieder erklären und rechtfertigen zu müssen?
Interviews und eigene Erfahrungen
Birgit Palzkill – selbst nicht-binär und manchen vielleicht als ehemalige Leistungssportler*in bekannt – führte für das Buch zahlreiche Interviews mit nicht-binären Menschen zwischen 20 und 70 Jahren. Palzkill beschäftigt sich seit Jahrzehnten wissenschaftlich und praktisch mit Geschlecht, Queerness und Diskriminierung. Bereits in den 1990er Jahren machte Palzkill mit Studien zu lesbischem Leben und sexualisierter Gewalt im Sport tabuisierte Themen öffentlich. In Pädagogik und Sport setzt sich Palzkill als Berater*in, Fortbildner*in und Wissenschaftler*in dafür ein, dass Menschen ohne Angst vor sexistischer und queerfeindlicher Diskriminierung und Gewalt leben können.
Werkzeug zur Veränderung
Erschienen ist das Buch im unabhängigen Verlag w_orten & meer, der diskriminierungskritische, empowernde und sprachlich experimentelle Bücher veröffentlicht. Der Verlag versteht Sprache als Werkzeug gesellschaftlicher Veränderung und möchte neue Perspektiven eröffnen, strukturelle Gewalt sichtbar machen und Menschen, die Diskriminierung erfahren, Raum geben. Dazu gehören auch unkonventionelle Sprachformen, die binäre Vorstellungen hinterfragen und trans, nicht-binäre, agender und genderqueere Personen sprachlich sichtbar machen.
Ergänzt wird das Buch durch ein umfangreiches Glossar, das Begriffe erklärt und sich auch zum schnellen Nachschlagen eignet. Gleichzeitig bleibt es nicht bei Erklärungen: Im letzten Teil des Buches gibt Palzkill Anregungen dafür, wie aus der Theorie eine Praxis werden kann, die diskriminierungssensibel ist und Platz außerhalb von Geschlechternormen lässt. Diese sind geeignet für alle, die an Schulen, in der Beratung oder Medizin arbeiten oder einfach im Alltag einen respektvollen Umgang mit nicht-binären Menschen gestalten möchten. Einer der Tipps ist, die Expertise nicht-binärer Menschen zu nutzen: Wer das tun möchte, findet in „Nicht binär leben“ ein umfangreiches und vielfältiges Werk, das sich zu lesen lohnt.
Katrin Lüdeke
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