Digitaler Kolonialismus
Man sieht es der Oberfläche nicht an: Die glänzende Welt der Digitalisierung funktioniert nur, weil im Hintergrund Menschen arbeiten – oft schlecht bezahlt, unsichtbar, ausbeutbar. In „Digitaler Kolonialismus“ zeigen Ingo Dachwitz und Sven Hilbig, wie Tech-Konzerne und Großmächte ihre Macht weltweit ausbauen, alte Abhängigkeiten festigen und neue schaffen – ein klug recherchiertes, unbequemes Buch über globale Ungleichheit im digitalen Zeitalter. Katrin Lüdeke hat das Buch für uns gelesen.
© Foto: C.H. Beck/Fallon Michael/unsplash | Digitaler Kolonialismus, Ingo Dachwitz, Sven Hilbig, Verlag: C.H. Beck, ISBN: 978-3-406-82302-2
CAPTCHA kennen wir alle: Brücken, Motorräder, Ampeln auswählen – damit es irgendwann selbstfahrende Autos geben kann, die das genauso erkennen. Klingt harmlos, doch Klickarbeit kann auch ganz anders aussehen: Gewalt, pornografische Inhalte, Folter – auch das muss sortiert und markiert werden, um Künstliche Intelligenz zu trainieren und Inhalte in sozialen Netzwerken zu moderieren.
Diese Arbeit geschieht oft unsichtbar, schlecht bezahlt, unter kontrollierten Bedingungen, in ausbeuterischen Strukturen. Die Menschen dürfen nicht über ihre Tätigkeit sprechen, viele halten den psychischen Druck nicht lange aus. Die Arbeitgeber*innen nehmen das in Kauf. KI, Social Media und Digitalisierung – das ist ein bisschen wie in einem Hotel: glänzende Oberfläche, viel Arbeit dahinter, die oft nicht mal wahrgenommen wird.
Diese unsichtbare Arbeit ist Geisterarbeit, wie Mary L. Gray und Siddharth Suri sie nennen. Clickwork könnte ein Unwort des Jahres werden, finden auch die beiden Autoren von „Digitaler Kolonialismus“: Ingo Dachwitz, Kommunikationswissenschaftler, und Sven Hilbig, Experte für Digitalisierung und Handelspolitik.
Ein eurozentristischer Blick – aber mit Reflexion
Eine mögliche Kritik nehmen die Autoren selbst vorweg: Zwei weiße, mittelalte Männer schreiben – privilegiert und aus einem westlichen Kontext – über globale Ausbeutung. Im Vorwort erklären sie ihre Machtposition und ihren Umgang damit: Sie holen viele Stimmen aus dem Globalen Süden in den Text, lassen Expert*innen und Betroffene zu Wort kommen. Die Perspektivenvielfalt macht deutlich: Der Globale Süden ist kein homogener Raum.
Die Berichte werden durch Karten ergänzt, um Bilder für sich sprechen zu lassen – z. B. hat Google mehr Bürostandorte in Deutschland als auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Gleichzeitig arbeiten aber viele Menschen in Afrika für Google – über Subunternehmen, schlecht bezahlt, in moderner Sklaverei.
Kolonialismus 2.0 – in sieben Kapiteln
Digitaler Kolonialismus betrifft nicht nur die Arbeitswelt. In sieben Kapiteln – Arbeitskräfte, Daten, Rohstoffe, Repression, Infrastruktur, Geopolitik und Europa – analysieren die Autoren die Fortsetzung kolonialer Machtverhältnisse in der digitalen Welt. Es geht um Ressourcen wie Kobalt, das für Akkus gebraucht wird und unter gefährlichen Bedingungen gewonnen wird – in selbst gegrabenen Minen, ohne Schutzausrüstung, mit Luft für gerade mal 20 Minuten. Um Kontrolle und Zensur: Was wird gelöscht, was bleibt? Wer entscheidet, welche Inhalte gepusht werden? In welchen Sprachen ist Wissen verfügbar?
Es geht um Macht und Abhängigkeit – und um das neue „Gold“: Daten. Datenschutz aus westlicher Sicht ist bekannt, aber wie ist das im Globalen Süden? Welche Daten werden erhoben? Nicht nur über Menschen, sondern auch über Böden, Samen, Pestizide – über Wissen, das längst vorhanden ist, nun aber kommerzialisiert wird.
Die Abhängigkeit vom Internet und damit vom Globalen Norden wird immer größer. Hier spiegelt sich auch ein weiteres Denkbild des Kolonialismus: Das Internet muss gebracht werden, es gibt einen regelrechten Wettlauf, der neue Macht bringt: Denn wer kontrolliert die Satelliten, die Kabel, die Anschlüsse? Aktivist*innen fordern deshalb: Neben dem Recht auf Internet braucht es auch das Recht, offline zu sein und nicht dadurch benachteiligt zu werden.
Ein Buch, das trifft
„Digitaler Kolonialismus“ ist ein wichtiges Buch – zurecht nominiert für den Deutschen Sachbuchpreis 2025. Expertise haben die beiden Autoren: Ingo Dachwitz ist Kommunikationswissenschaftler und arbeitet als Journalist für netzpolitik.org. Für seine Recherchen zur globalen Datenindustrie wurde er 2024 mit dem Alternativen Medienpreis und dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Sven Hilbig ist Rechtswissenschaftler und Experte für Digitalisierung und Handelspolitik bei Brot für die Welt. Gemeinsam mit Partner*innen aus dem Globalen Süden engagiert er sich gegen neue Formen des Kolonialismus.
Die Berichte sind persönlich, greifbar, emotional und zeigen, was digitale Ausbeutung für einzelne Menschen bedeutet. Das Buch beleuchtet komplexe Themen verständlich, ohne sie zu vereinfachen. Das schreiben auch die beiden Autoren: „Es wäre unehrlich, an dieser Stelle einfach Lösungen zu versprechen. Wir brauchen ein grundlegendes Umdenken“ – in Wirtschaft, Politik und der Bevölkerung. Die Augen zu verschließen, ist keine Lösung; wir müssen hinsehen, uns weiterbilden – es gibt eine umfangreiche Quellensammlung – und aktiv werden, am besten nicht allein.
Ganz ohne Lösungsansätze und Hoffnung bleibt es aber nicht. Im Epilog entwirft die Menschenrechtsanwältin Renata Avila Pinto, die im Anwaltsteam von WikiLeaks-Gründer Julian Assange war, eine Vision für eine gerechtere digitale Zukunft – und wie wir dorthin kommen könnten. Komplett unrealistisch? Vielleicht. Aber was wäre die Alternative?
Katrin Lüdeke
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