Erinnern an uns

Rick Lupert erzählt Kolonialgeschichte anders: In seinem Roman „Erinnern an uns“ bricht die verdrängte Vergangenheit in die Gegenwart ein und stellt die Frage, wie Gesellschaften mit historischer Gewalt umgehen. Eine eindrucksvolle literarische Annäherung an Erinnerung, Identität und Dekolonisierung. Silja Joneleit-Oesch hat das Buch für uns gelesen.

Erinnern an uns, Rick Lupert, Verlag: Rotscheibe, ISBN: 978-3-949270-69-7 © Foto: Rotscheibe/Fallon Michael/unsplash | Erinnern an uns, Rick Lupert, Verlag: Rotscheibe, ISBN: 978-3-949270-69-7

Die Beschäftigung mit dem kolonialen Erbe fühlt sich manchmal schwer an. Wir kämpfen um neue Ansätze, wir dekolonialisieren unsere Theologie und analysieren die Verstrickungen von Kirche und Staat in der kolonialen Zeit.

Und weil es in Deutschland nicht unbedingt augenfällig ist, lohnt das Reisen zum Thema. In der Karibik z. B. suchen ganze Gesellschaften immer noch nach ihrer Identität. Und in diesem Kontext hatte ich Reiselektüre dabei, die sich als wahrhaft kongenial erwies: „Erinnern an uns“ von Rick Lupert. Die Geschichte könnte auf Jamaika, auf Hispaniola oder an einem fiktiven Ort spielen. Es spricht die Erde, der Boden, das Land. Das ist ein sehr kreativer Zugang im Gegenüber zu dem Ringen der Menschen auf ihr. Die getöteten Indigenen dieses fiktiven Landes tauchen wieder auf und verstören die Menschen und erschüttern den scheinbaren Frieden. Die Szenerie ist apokalyptisch und wird auch nicht vollständig aufgeklärt.

Susanne, die Protagonistin, (immer noch selten, dass ein Autor eine personale Erzählerin wählt) läuft eigentlich ziemlich unbeschwert durch das Leben, aber „diese kurzen Momente des Aussetzens jedes Erinnerungsvermögens; ein größtmögliches Abstandnehmen von der Wirklichkeit. … Es kommt ihr vor, als sähe sie alles durch ein Glas, das immer mehr Risse bekommt, immer schwerer zu durchblicken ist und stellenweise spiegelt.“ Die Kolonialgeschichte bricht in ihre Biografie ein. Als Gerichtsmedizinerin und mit einer indigenen Adoptivschwester muss sie sich beruflich und persönlich mit der aufbrechenden Geschichte befassen. Sie kehrt zurück in ihr Elternhaus, das hilft ihr aber wenig. Sie muss ihr Verstehen alleine entwickeln und finden.

Kolonialgeschichte wird Gegenwart

Zu den verstörenden Ereignissen lassen nicht lange die politischen Reaktionen warten, die mit einer wunderbaren Ironie dargestellt werden, wie Politiker*innen beredt schweigen können oder sich um Antworten drücken. Die Demonstrationen auf der Straße heizen die Situation noch an.

Im zweiten Teil des Buchs spricht die Protagonistin mit ihrer indigenen Adoptivschwester, allerdings nur als innerer Dialog. Auch hier gibt es ein schwebendes Ende, das mich aber nicht hilflos zurückgelassen hat, weil es eine zuversichtliche Ausstrahlung hat. Dieser Teil verlässt die dystopische Situation und wird zu einem Roadtrip von Susanne mit ihrer Vergangenheit.

Ein beeindruckend kreatives, komplexes und politisches Buch. Der junge österreichische Autor verwebt intertextuell noch andere Literaturzitate, die seinen Hintergrund beim Schreiben erklären und die er am Ende des Buches offenlegt. Der Verlag Rotscheibe hat aus dem Manuskript zudem ein schönes Buch gemacht, das man gerne in die Hand nimmt. Das Thema Genozid und Kolonialgeschichte in einem Roman zu verarbeiten, ist mutig und gelingt hier beeindruckend gut. Es ist weder moralisch, noch aufdringlich und stellt doch genau die richtigen Fragen in dieser Geschichte.

Silja Joneleit-Oesch


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