Gaza – Überlebensberichte aus einem zerstörten Land

„Was haben Sie am 7. Oktober 2023 gemacht?“ Diese Frage stellt die Autorin und Journalistin Samar Yazbek in Katar Hunderten von Geflüchteten aus dem Gazastreifen. Während mehrerer Monate im Jahr 2024 erzählten ihr Erwachsene, Kinder und Jugendliche zwischen 13 und 65, was sie im Krieg erlebt haben. Ihre Geschichten wirken wie Albträume über unvorstellbare Verluste von Leben, Familie, Heimat und elementarer Würde. Rainer Kiefer hat das Buch „Gaza – Überlebensberichte aus einem zerstörten Land“ für uns gelesen.

Gaza – Überlebensberichte aus einem zerstörten Land, Samar Yazbek, Verlag: Unionsverlag, ISBN: 978-3-293-00643-0 © Foto: Unionsverlag/Fallon Michael/unsplash | Gaza – Überlebensberichte aus einem zerstörten Land, Samar Yazbek, Verlag: Unionsverlag, ISBN: 978-3-293-00643-0

Samar Yazbek hört zu und schenkt den Überlebenden im geschützten Raum die notwendige Aufmerksamkeit, damit sie erzählen können, was ihnen geschehen ist. Die Gesprächspartner*innen berichten detailliert über die Angriffe auf Wohnhäuser und Gebäude und über die furchtbaren Folgen der Bombardierungen in Gaza. Sie erzählen von ihrer Angst und den dramatischen Momenten, in denen klar wurde, dass Familienmitglieder und Freund*innen getötet wurden oder schwer verletzt waren. Die Suche nach den Überlebenden und Toten in den Trümmern, die traumatischen Erfahrungen beim Bergen der Verletzten und Getöteten, aber auch die Hinweise auf schwere eigene Verletzungen und den Verlust von Gliedmaßen machen die Lektüre der Berichte zu einer Herausforderung.

Schreib die Namen auf

Immer wieder legen die Menschen Wert darauf, die Namen der Toten zu nennen. Sie erinnern an die Kinder, Eheleute, Familienangehörige, Nachbar*innen und Freund*innen, die sie verloren haben – sie alle sollen nicht vergessen sein. Sie waren Teil ihres Lebens, sie waren bekannt an dem Ort, an dem sie zuhause waren, sie lebten in ihren Familien, waren berufstätig und gestalteten ihren Alltag. Unvorstellbare Verluste. „Bitte, schreib die Namen auf, vergiss sie nicht, erinnere wenigstens an ein paar von Ihnen“, so mahnt ein Fünfundsechzigjähriger.

„Manchmal denke ich, dass jetzt nicht die Zeit ist, um über Hoffnung und Trauer zu sprechen. Aber ich will erzählen, was ich gesehen habe, ich bitte dich, schreib alles auf“ – so eine 42-jährige Frau aus Khan Younis.

Und eine weitere Gesprächspartnerin: „Ich glaube, dass ich nichts mehr fühle. Ich habe keine Tränen mehr. Ich bin neunzehn Jahre alt, und trotzdem fühle ich mich alt… Lass uns hier aufhören, ich möchte nicht mehr weitersprechen.“

Bilder des Krieges

Die Überlebenden beschreiben die Waffensysteme, den Einsatz von Drohnen und Bomben, die Wohnhäuser zerstörten. Sie verschweigen nicht die Brutalität der israelischen Soldat*innen, aber sie vergessen auch nicht die Akte der Menschlichkeit zu erwähnen, die sie erfahren haben – selbstlose Einsätze von Ärzt*innen und Pflegekräften in den Krankenhäusern, solidarische Hilfe in der Nachbar*innenschaft bei der Suche nach Verschütteten.

Die Bilder von massiven Zerstörungen im Gazastreifen haben uns zu Beginn des Krieges über das Fernsehen und soziale Medien erreicht und betroffen gemacht. Das erklärte Kriegsziel der israelischen Regierung war die Vernichtung der Terrororganisation Hamas nach dem Terrorangriff am 7. Oktober 2023. In den Berichten erfahren wir aber auch von der Bombardierung ziviler Ziele und Angriffen auf Krankenwagen, Zelte, Zufluchtsorte der Vertriebenen, Schulen und Krankenhäusern. Texte, die in deutscher Übersetzung aus dem Arabischen, schwer zu lesen und zu verkraften sind.

Gegen das Vergessen

Inzwischen scheint das Schicksal der Menschen in Gaza die mediale und politische Aufmerksamkeit verloren zu haben, die angemessen wäre. Noch stehen im Jahr 2026 weitere Friedensgespräche und konkrete Pläne zum Wiederaufbau aus, um den Menschen in Gaza eine Zukunft zu ermöglichen. Sie wollen nicht länger ausgegrenzt sein – als gezeichnete Überlebende; sie wollen dazu gehören. Wir sollten ihnen zuhören.

Samar Yazbeks Überlebensberichte aus einem zerstörten Land sind in gewisser Weise eine „Zumutung“, weil es einfacher ist wegzuschauen. Sie leisten aber einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen.

Rainer Kiefer


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