Issa
Die eigene Identität ist verknüpft mit Herkunft, Erziehung, Familie und dem eigenen Aufwachsen. Wie unterschiedlich und doch ähnlich der Weg zum Finden der eigenen Identität sein kann, zeigt Mirrianne Mahns Debütroman eindrücklich. „Issa“ ist ein Generationenroman, der das Schicksal von fünf Frauen miteinander verwebt. Katrin Lüdeke hat ihn für uns gelesen.
© Foto: rowohlt/Fallon Michael/unsplash | Issa, Mirrianne Mahn, Verlag: rowohlt, ISBN: 978-3-499-01347-8
Das Buch begleitet eine Familie über ein Jahrhundert und fünf Generationen: Enaga (1903), Marijoh (1918), Namondo (1960), Ayudele (1985) und Issa (2006). Fünf Frauen, die mit den Herausforderungen ihrer Zeit kämpfen, aber deren Geschichten sich jedoch immer wieder spiegeln, wiederholen, variieren – kreisend um die Fragen: Wer bin ich und wo gehöre ich hin?
Kamerun, Deutschland und dazwischen
Die Leben der Frauen sind tief verwoben mit der kolonialen Geschichte Kameruns – Kamerun war zwischen 1884 und 1919 deutsche Kolonie –, die hier aus verschiedenen Perspektiven greifbar wird. Issa, die titelgebende Figur der Geschichte, lebt eigentlich in Deutschland. Sie ist schwanger und reist nach Kamerun zu ihrer Familie, denn ihre Mutter hat ihrem ungeborenen Kind ein schweres Schicksal vorausgesagt. Issa soll nun Rituale ihrer Ahn*innen durchführen, um sich und ihr Kind zu schützen.
Gemeinsam mit Issa lernen Leser*innen die Traditionen ihrer Familie, aber auch gesellschaftliche Gepflogenheiten kennen. Issa struggelt dabei, ihren Platz zu finden: In Deutschland war sie „zu Schwarz“, in Kamerun wird sie als „Bushfalla“ wahrgenommen – europäisch, westlich, privilegiert. Hier zeigt sich auch, wie tief koloniales Denken noch immer in der Gesellschaft verankert ist. Alles Westliche wird positiv betrachtet. Wer in Europa oder den USA lebt, gilt automatisch als wohlhabend. Teure Gastgeschenke sind daher Pflicht. Doch Issa muss schmerzlich lernen, dass es dabei auf die richtige Wahl ankommt: Axe-Deo? Ja. Ferrero Küsschen? Lieber nicht – denn woher kommt der Kakao?
Balance zwischen Identitäten
Mirrianne Mahn hat einen feinen Sinn für Humor, der wunderbar zum Tragen kommt und auch schweren Situationen Leichtigkeit bringt, ohne lächerlich zu machen. Subtil verhandelt die Autorin gesellschaftliche Codes und beschreibt Issas Kampf um Identität, die sie hier neu finden muss. Sowohl in Bezug auf ihre kamerunische Herkunft – Sprache ist hier ein großer Faktor für Zugehörigkeit, der Issa fehlt. Weil ihre Mutter wollte, dass sie gutes Englisch spricht, kann Issa kaum Pidgin-Englisch und hat auch nie Bakweri, die Sprache ihrer Großmütter gelernt. Aber auch in Bezug auf ihr Leben in Frankfurt und dem Vater ihres Babys, der in der Geschichte nicht einmal einen Namen hat.
„Ich kann noch nicht einmal versuchen, ihm zu erklären, dass ich mich in einer Welt befinde, in der die Zeit anders tickt und wo manches, was ich in Deutschland niemals tun würde, völlig normal ist.“
Über Frauen, Mütter, Töchter
Namenlos und beinahe bedeutungslos bleibt der Vater – wie viele der männlichen Figuren. Denn in „Issa“ geht es nicht um Männer. Es geht um weibliche Solidarität, die Rolle der Frau und Feminismus. Es geht um Machtverhältnisse und Gewalt in Beziehungen – und Frauen, die sich stärken, gegenseitig Trost spenden und dagegen wehren.
Mirrianne Mahn gelingt es mit Leichtigkeit, Gefühle einzufangen – in einer Echtheit, die beeindruckt. Von Freud und Leid wird in einer Gleichzeitigkeit berichtet, die manchmal fast schwindelig macht. Sie schreibt über Mutterliebe, die manchmal merkwürdige, verdrehte Wege nimmt. Über Scham, Wut und Verletzlichkeit. Die Erzählweise ist dicht. Manches ist schonungslos und direkt – etwa, wenn Issa als Teenager rassistische Beleidigungen von ihren Freundinnen erfährt. Und manches ist fast schmerzlich emotionslos und unscharf – etwa, wenn sexualisierte Gewalt geschildert wird, wie im Fall der elfjährigen Enaga.
Mehr als eine Familiengeschichte
Das Buch wechselt immer wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit, entfaltet Verbindungslinien zwischen den Geschichten, die sich verweben, ergänzen und einen vielschichtigen Roman hervorbringen.
Mirrianne Mahn wurde 1989 in Buea, Kamerun geboren und wuchs in einem kleinen Dorf im Hunsrück auf. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie sich als Aktivistin und Theatermacherin gegen Diskriminierung und Rassismus engagiert. Für ihr politisches Engagement wurde sie vom FOCUS Magazin zu einer der „100 Frauen des Jahres 2021“ gewählt.
„Issa“ ist ihr Romandebüt und war für den Debütpreis der LitCologne nominiert. Vielstimmig, eindringlich, klug erzählt – mit Tiefe, Witz und einem beeindruckenden Gefühl für Sprache und soziale Dynamiken. Es ist ein Roman, der hoffen lässt, dass noch viele weitere folgen werden.
Katrin Lüdeke
Verwandte Artikel
Dream Count
Chimamanda Ngozi Adichie ist zurück – mit einem Roman über Freundschaft, Gewalt und Widerstandskraft. In Dream Count erzählt die nigerianische Autorin…
Neue Töchter Afrikas – 30 Stimmen
Dass Frauen in der europäischen Kulturgeschichte lange gar nicht und auch jetzt noch erstaunlich wenig wahrgenommen werden, zeigt sich am Kanon der „Weltliteratur“…
Afrika und die Entstehung der modernen Welt
Gold, Zucker, Tabak und Baumwolle – Der US-amerikanische Journalist Howard W. French zeigt in seinem Buch informativ und verstörend auf, dass die „moderne…