Muskeln aus Plastik
Wie erzählt man von einem Leben, in dem selbst das Aufstehen zur Herausforderung werden kann? Wie schreibt man über eine Krankheit, die selbst von der Medizin nur unzureichend beschrieben wird? Und wie verändert sich der Blick auf Beziehungen, den eigenen Körper, Care-Arbeit und Arbeit, wenn Energie zu einer knappen Ressource wird? In „Muskeln aus Plastik“ verbindet Kay Matter diese Fragen mit einer autofiktionalen Erzählung über ME/CFS und Transness. Katrin Lüdeke hat das Buch für uns gelesen.
© Foto: Hanser/Fallon Michael/unsplash | Muskeln aus Plastik, Kay Matter, Verlag: Hanser, ISBN: 978-3-446-28003-8
Als ich „Muskeln aus Plastik“ ungefähr zur Hälfte gelesen hatte, fragte mich jemand nach der Handlung. Ich war überrumpelt von dieser einfachen Frage. Denn bis dahin war nicht viel passiert, zumindest nicht im klassischen Sinn einer Handlung. Im Zentrum der Geschichte steht Kay, Mitte zwanzig, nicht-binär transmaskulin und an Post-Covid beziehungsweise ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) erkrankt. Wie viel passiert im Leben eines Menschen mit ME/CFS? Besuche bei Ärzt*innen, lesen, Physiotherapie und Reha, über Vergangenheit und Zukunft nachdenken, Besuche im Fitnessstudio, Scrollen im Internet, träumen und hoffen – und das auch nur an den guten Tagen. An den schlechten Tagen gelingt es Kay kaum aufzustehen.
Zäh wie Kaugummi
Also: Was ist die Handlung eines Lebens mit ME/CFS? Was passiert, wenn die größte Herausforderung des Tages darin besteht, die eigene Kraft einzuteilen? Wenn man entscheiden muss, ob man lieber gestresst davon, dass das Bett noch nicht bezogen ist, im unbezogenen Bett liegt und so noch genug Energie hat, eine Tütensuppe aufzugießen und auf die Toilette zu gehen – oder ob man eben doch das verdammte Bett bezieht und anschließend hungrig bleibt, weil die Kraft fehlt. Wie kann man Freundschaften und Beziehungen pflegen, wenn man nicht die Energie hat, Freund*innen zu besuchen? Wie kann man in einem Bett, das gleichzeitig Krankheitsort ist, Sex haben? An dieselbe Decke starren, die man auch anstarrt, wenn der ganze Körper schmerzt und jede kleinste Bewegung anstrengend ist? Wie überhaupt Sex haben, wenn man sich danach tagelang nicht bewegen kann, weil aus dem Crush ein Crash wird?
Ganz ohne Handlung kommt das Buch nicht aus, aber gerade am Anfang tritt es auf der Stelle. Die Handlung zieht sich wie Kaugummi, ist träge und gleichförmig – und fängt damit erstaunlich gut ein, nach welchen Mustern eine ME/CFS-Erkrankung verlaufen kann.
Unsichtbares sichtbar machen
Warum scheinen Gesundheitssysteme oft weniger daran interessiert, Menschen gesund zu machen, als sie wieder arbeitsfähig zu bekommen? Wie barrierefrei ist unsere Gesellschaft eigentlich? Wie sehr ist das öffentliche Leben darauf ausgerichtet, besondere Bedürfnisse zu berücksichtigen? Wie zugänglich sind Orte des mehr oder weniger täglichen Bedarfs wie Einkaufsläden und Fitnessstudios? Letztere sind nämlich teuer, wenn man nicht regelmäßig hingeht und regelmäßiges Hingehen ist schwer. Also workoutet sich Kay mithilfe ständig wechselnder Probemitgliedschaften durch die Studios der Umgebung, um ein bisschen wie ein normaler Mid Twenty Boy zu leben. Und um mit Sixpack und Muskeln überhaupt als Boy erkannt zu werden.
Im Laufe des Buches zeigen sich immer wieder Parallelen zwischen trans und krank sein. Der Körper ist nicht der, den man sich wünscht. Als gesund und als cis zu passen, ist zwar schön, aber macht auch die Struggels unsichtbar. Und auch Care-Arbeit ist oft unsichtbar – Aftercare nach einer geschlechtsangleichenden Operation erfordert wie eine chronische Krankheit ein Netzwerk aus Fürsorge und Unterstützung.
Und natürlich hat Care-Arbeit unterschiedliche Level an Care. Koche ich jemandem sein Lieblingsessen oder einfach nur irgendein Essen? Wie kann Geben und Nehmen in romantischen und platonischen Beziehungen ausgeglichen sein, wenn eine Person weniger Geben kann? Wie geht man damit um, abhängig zu sein? Wie kommuniziert man Bedürfnisse und Wünsche?
Vernetzungen aufzeigen
Kay Matter versucht, Worte für etwas zu finden, das selbst die Medizin nur schwer beschreiben kann und verwebt dabei wissenschaftliche Texte, Essays und Memoiren mit Alltagsszenen und Gedankenspielen. Die Theorie ist dabei fest in die Geschichte eingebettet; Kay liest viel und denkt über das Gelesene nach. Das Buch wirkt über das Vokabular und die referierten Texte stellenweise wie ein Insider-Buch, macht aber über Fußnoten und Kontextualisierungen viele Verbindungen sichtbar. Zitate werden übersetzt, Begriffe erklärt, Hintergründe offengelegt.
Als Leserin fühlte ich mich aber auch stellenweise ausgeschlossen – ähnlich wie manche Figuren im Buch. Das Konzept der „Access Intimacy“ – das unmittelbare Verstehen einer Situation durch eigene Erfahrungen – schafft eine Nähe, die Außenstehenden oft verschlossen bleibt. Bestimmte Erfahrungen von Krankheit, Be_hinderung* und Transness erschließen sich leichter, wenn man selbst Berührungspunkte damit hat. Gleichzeitig liegt genau darin eine besondere Stärke des Buches: Es ist authentisch.
Autofiktion mit Wirkung
„Muskeln aus Plastik“ weist auch immer wieder autobiografische Elemente auf. Kay Matter, geboren in Zürich, studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin und am Literaturinstitut Hildesheim; auch Protagonist Kay ist Theaterautor. „Muskeln aus Plastik“ ist Matters erstes Prosawerk und noch unter dem Namen Selma Kay Matter veröffentlicht. Die Bühnenfassung des Romans feierte 2025 am Theater Münster Premiere.
Unterteilt in verschiedene Kapitel, die sich in Stil und Erzählperspektive unterscheiden, bewegt sich „Muskeln aus Plastik“ zwischen Autofiktion, Essay, Krankheitsbericht und literarischer Reflexion. Der Text ist durchzogen von Erinnerungen, Gedankensprüngen, Fantasien und Prosastücken, die manchmal surreal, manchmal komisch und oft sehr berührend sind. Es ist kein Buch für jede*n, dafür ist es zu nischig, aber so wichtig und horizonterweiternd.
Katrin Lüdeke
*: Die Schreibweise „Be_hinderung“ stammt aus den kritischen Disability Studies und aus der Behindertenrechtsbewegung. Der Unterstrich ist kein Rechtschreibzeichen, sondern eine politische und theoretische Markierung. Er soll deutlich machen, dass Behinderung nicht allein im Körper eines Menschen liegt, sondern gesellschaftlich hergestellt wird.
Verwandte Artikel
Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah
Go Mani ist Mitte dreißig, unverheiratet und seit Kurzem arbeitslos – auf ganzer Linie gescheitert. „Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah“ ist kein Roman…
Look
Wer bestimmt, was wir in einem Menschen sehen – und was wir übersehen? In Look denkt Luka Holmegaard über Mode als Ausdruck, Verwandlung und Widerstand…
Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken
Zeitreisen, Stierkämpfe auf offener Straße mitten in England, eine experimentelle Form des Genderns und eine kafkaeske Gerichtsszene – in „Vielleicht ging…