Raumnehmen
Wenn im deutschsprachigen Raum umgangssprachlich von „asiatisch“ die Rede ist, ist dies meist eine stark vereinfachende und klischeehafte Zuschreibung. Oft liegt der Fokus auf Ländern wie China, Vietnam, Südkorea, Japan oder Thailand. Anti-asiatischer Rassismus zeigt sich dabei häufig auch durch vermeintlich positive oder sexualisierende Stereotype – Asiat*innen seien besonders klug und fleißig, zurückhaltend oder devot. Der Sammelband „raumnehmen – Menschen aus asiatisch-diasporischen Communitys in Deutschland erzählen“ stellt sich gegen dieses Schubladendenken. Katrin Lüdeke hat das Buch für uns gelesen.
© Foto: Blessing/Fallon Michael/unsplash | Raumnehmen, korientation e.V. (Hg.), Verlag: W_orten & Meer, ISBN: 978-3-945644-52-2
Raumnehmen ist als aktivistisches Verb zu lesen. Das Buch nimmt sich den Platz und öffnet Türen für weitere Räume. Der Sammelband bildet die Vielfalt asiatisch-diasporischer Lebensrealitäten ab – in den Perspektiven, Texten und Biografien der Autor*innen. Das Lesen fühlt sich dabei an wie ein Wasserfall: endlos, mitreißend und kein bisschen ermüdend. Das Buch überrascht immer wieder durch seine Vielstimmigkeit. Aber es wird auch deutlich, dass selbst durch die Vielzahl der Perspektiven kein vollständiges Bild entstehen kann. Die 55 Texte sind nur ein kleines Fragment der Realität. Nicht jede Geschichte berührt auf die gleiche Weise, nicht jede ist für jede*n geschrieben – und genau darin liegt die Stärke des Bandes.
Gleichzeitigkeiten aushalten
In den Texten geht es um Zugehörigkeit und Fremdheit, ums Heißen und Genanntwerden, um Privilegien, Heimatsuche, Heimatlosigkeit und Zuhausesein. Es geht um Familie, um Freund*innen, um Herkunft und Zukunft. Um Identität in all ihren Facetten – zwischen Generationen, zwischen Nationen, zwischen Sprachen, zwischen Geschlechtern, zwischen Menschen.
Die Anthologie bringt Stimmen zusammen, die in Deutschland oft zu wenig gehört werden. Sie erzählen vielfältig, vielstimmig, persönlich und politisch. Und auch mehrsprachig: Die deutsche Übersetzung steht gleichwertig neben der anderssprachigen Variante. Beiträge in verschiedensten Formen finden hier ihren Platz – Erinnerungen, Gefühle, Kommentare, Gedichte, Anekdoten, Comics. Mal nostalgisch, mal wütend, mal traurig, mal lustig – und oft alles gleichzeitig.
Ein kollektives Projekt
Herausgegeben wurde der Band von korientation e.V., einem Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven mit gesellschaftskritischem Blick auf Kultur, Medien und Politik. Das Buchprojekt selbst ist aus einem langen, überwiegend ehrenamtlichen Prozess entstanden, der 2020 begann. Über mehrere Jahre hinweg haben viele Beteiligte daran gearbeitet – von der ersten Idee über den Open Call bis zur Auswahl der Beiträge. Diese kollektive Entstehungsgeschichte ist dem Band anzumerken: Er ist nicht nur eine Sammlung von Texten, sondern auch ein Gemeinschaftsprojekt, getragen von Engagement, Ehrenamt und Fürsorge.
Der Verlag
Erschienen ist „raumnehmen“ im unabhängigen Non-Profit-Verlag w_orten & meer, der sich seit 2015 diskriminierungskritischen, empowernden und gesellschaftspolitischen Themen widmet. Der Verlag legt besonderen Wert auf Diversität, Gendergerechtigkeit und die Reflexion von Privilegien.
Katrin Lüdeke
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