She Works hard for no money

Social Media wirkt oft kostenlos. Doch jeder Post, jeder Kommentar und jedes Like sind Arbeit – meist unbezahlte. Alexandra Polunin fragt in ihrem Buch „She Works Hard for No Money“, wer von dieser Arbeit profitiert und warum sie vor allem von Frauen geleistet wird. Katrin Lüdeke hat das Buch für uns gelesen.

She Works Hard For No Money. Noch mehr unbezahlte Arbeit für Frauen: Alexandra Polunin, Palomaa Publishing, ISBN: 978-3-949598-18-0 © Foto: Palomaa Publishing | Fallon Michael/unsplash | She Works Hard For No Money. Noch mehr unbezahlte Arbeit für Frauen: Alexandra Polunin, Palomaa Publishing, ISBN: 978-3-949598-18-0

„Sollten wir Social Media verlassen, wenn wir mehr Gerechtigkeit wollen?“, fragt Mareice Kaiser im Vorwort. Eine Frage, die aktueller kaum sein könnte. Auf der re:publica 2026 machte ein Gespräch zwischen Kaiser und Hanno Sauer Schlagzeilen und löste eine breite Debatte über Klassismus, Gender-Pay-Gap und finanzielle Transparenz im Literaturbetrieb aus. Beide Autor*innen hatten Bücher zum Thema Klassismus geschrieben – der Verlagsvorschuss von Hanno Sauer fiel jedoch deutlich höher aus. Ablenken darf der Gender-Pay-Gap aber keineswegs davon, dass Frauen darüber hinaus einen Großteil der unbezahlten Arbeit leisten.

Genau hier setzt Alexandra Polunin mit „She Works Hard for No Money. Noch mehr unbezahlte Arbeit für Frauen: Eine feministische Kritik sozialer Medien“ an. Sie blickt aus einer feministischen Perspektive auf Social Media und stellt dabei grundlegende Fragen – und vieles infrage.

Denn Kindererziehung, Haushalt und Mental Load gelten inzwischen zunehmend als unbezahlte Arbeit, aber wie steht es mit Posten, Liken, Kommentieren oder Community-Management? Auch das ist meist unbezahlte Arbeit. Selbst Menschen, die beruflich im Bereich Social Media arbeiten und dafür bezahlt werden, leisten gleichzeitig unbezahlte Arbeit für die Plattformen – denn die Tech-Konzerne sind es, die davon am meisten profitieren.

Algorithmen verstärken bestehende Ungleichheiten

In ihrer Analyse vergleicht die Autorin und Kommunikationsberaterin Alexandra Polunin Social Media immer wieder mit Care-Arbeit. So wie unbezahlte Sorgearbeit das Funktionieren der Gesellschaft ermöglicht, hält auch die Content-Arbeit von Millionen Nutzer*innen soziale Netzwerke am Laufen. Daneben kommt noch emotionale Arbeit hinzu: moderieren, reagieren, empathisch sein. Gerade Frauen übernehmen diese Aufgaben online besonders häufig. Der gesellschaftliche Druck auf Frauen wird dadurch nicht kleiner – im Gegenteil. Algorithmen verstärken bestehende Ungleichheiten und befeuern damit ein System, von dem vor allem Männer profitieren.

Fest steht: Social Media beeinflusst das psychische Wohlbefinden, das Körperbild und gesellschaftliche Vorstellungen davon, was normal oder erstrebenswert ist. Ungerechtigkeiten aus dem „echten“ Leben spiegeln sich auch auf den Plattformen wider – und Social-Media-Unternehmen sind alles andere als matriarchale Räume. Genau dagegen richtet sich die Arbeit des Verlags, in dem das Buch erschienen ist. Palomaa Publishing bietet gezielt Autorinnen und nicht-binären Schreibenden eine Bühne, um Perspektiven sichtbar zu machen, die im Literaturbetrieb häufig unterrepräsentiert sind.

Eine dieser Autor*innen ist Alexandra Polunin. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Medienwissenschaften und arbeitete zunächst als Social-Media-Beraterin, bevor sie sich bewusst von den Plattformen zurückzog. Sie weiß also wovon sie schreibt und vertritt eine klare Meinung – manchmal vielleicht zu voreingenommen. Auch wenn sie mit zahlreichen Studien und einem umfangreichen Quellenverzeichnis arbeitet, fühlt sich die Argumentation stellenweise sehr einseitig an. Der Fokus liegt fast ausschließlich auf den problematischen Seiten sozialer Medien. Empowernde Momente, feministische Vernetzung oder politische Erfolge durch Social Media geraten weniger in den Blick oder werden grundsätzlich infrage gestellt.

Einladung, selbst Antworten zu finden

Natürlich ist es wichtig zu hinterfragen, ob vermeintlich empowernde Inhalte am Ende doch kapitalistischen oder patriarchalen Logiken dienen. Gleichzeitig sind viele Phänomene vielschichtig und widersprüchlich. Wenn Hashtags wie #HotGirlWalk oder #GirlDinner grundsätzlich als antifeministisch eingeordnet werden, weil das Wort girl Frauen klein mache, greift das zu kurz. Häufig handelt es sich gerade um Selbstbezeichnungen – um ein bewusstes Zurückerobern und Umdeuten eines Begriffs. Stellenweise entsteht dadurch der Eindruck, als sei nahezu alles, was Frauen auf Social Media tun, zwangsläufig patriarchal oder misogyn.

Gerade durch die klare Positionierung regt das Buch dazu an, selbst Antworten zu finden. Kann Social Media überhaupt feministisch sein? Kann eine Plattform mit problematischem Geschäftsmodell trotzdem ein Ort für feministische Inhalte werden? Ist es antifeministisch, den Algorithmus zu bedienen, um mit feministischen Botschaften mehr Menschen zu erreichen? Oder kann genau darin eine Form strategischer Sichtbarkeit liegen?

Das Buch fordert dazu auf, die eigenen Social-Media-Gewohnheiten und den digitalen Alltag kritisch zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Gerade dadurch regt das Buch zum Nachdenken und Diskutieren an.

Katrin Lüdeke


Verwandte Artikel

© Foto: C.H. Beck/Fallon Michael/unsplash

Digitaler Kolonialismus

Man sieht es der Oberfläche nicht an: Die glänzende Welt der Digitalisierung funktioniert nur, weil im Hintergrund Menschen arbeiten – oft schlecht bezahlt,…


© Foto: Ullstein Verlag/Fallon Michael/unsplash

Unlearn Patriarchy 1 & 2

Die Bücher „Unlearn Patriarchy I“ und „Unlearn Patriarchy II“ bieten tiefgehende Einblicke in die Strukturen und Mechanismen des Patriarchats und zeigen…