Weiße Flecken
Ein weißer Fleck auf einer Landkarte ist ein unbekanntes, unerforschtes, nicht erschlossenes Gebiet. In Lene Albrechts Buch „Weiße Flecken“ geht es jedoch nicht um geografische Leerstellen, sondern um die unsichtbaren, unbearbeiteten, verschwundenen Bereiche in Familiengeschichten. Um das, was nie ausgesprochen wurde, was über Generationen verloren ging – oder bewusst verdrängt wurde. Katrin Lüdeke hat das Buch für uns gelesen.
© Foto: S. Fischer/Fallon Michael/unsplash | Weiße Flecken, Lene Albrecht, Verlag: S. Fischer, ISBN: 978-3-10-397538-3
Wir begleiten eine Frau nach Togo, die dort eine Forschungsstelle antritt, um zu Flucht- und Migrationsursachen zu forschen – ganz spontan als Vertretung für eine plötzlich ausgefallene Bekannte. Mit ihr zusammen lernen wir Togo kennen, fallen schnell in den Trott eines ungewohnten Alltags, der fremdbestimmt und jeden Tag gleich zu sein scheint. Die Protagonistin geht ihrer eigentlichen Aufgabe wie ferngesteuert nach, führt Gespräche, erkundet Orte, schreibt – und hadert mit sich.
Forschung und Fremdsein
Ist es das (moralisch) Richtige, was sie tut? Immer wieder trifft sie auf Personen, denen es ähnlich geht. Ein junger Mann, der als Freiwilliger in einem Waisenhaus arbeitet und über White Saviorism nachdenkt. Eine Schneiderin, die einst mit ihrer Familie in Deutschland lebte – aber aus Angst, nachts ohne Abschied und Packmöglichkeit abgeschoben zu werden, freiwillig nach Togo zurückkehrte – und nun hier ihre Rolle finden muss.
Dieser erste Teil des Romans ist intensiv, trotz der nüchternen Sachlichkeit. Dieser Kontrast erweckt ein Gefühl des Voyeurismus: zu nah dran an einem Leben, das einem nicht gehört und zu weit weg, um wirklich Anteil zu nehmen. Zwischen fehlender sozialer Souveränität und emotionaler Unsicherheit hinterfragt sich die Protagonistin mehr und mehr. Auch die Sinnhaftigkeit der Forschungsfrage bringt sie ins Zweifeln. Was ist ihre Rolle an diesem Ort? Wer profitiert tatsächlich von den Forschungsergebnissen?
Von der Fremde ins eigene Innere
Und plötzlich öffnen sich Spuren in die eigene Familiengeschichte, die bisher wenig Beachtung fand: Wie wurde ihr Onkel in Nigeria reich? Wieso kam ihre Urgroßmutter nach Deutschland? Warum nahm deren Vater nur eines seiner Kinder mit?
Im zweiten Teil des Romans – mit Beginn der Recherche – wird die Erzählstruktur fragmentarischer. Gedanken, Bildbeschreibungen, Erinnerungen, Gespräche reihen sich sprunghaft aneinander; es ist ein immersives Lesen. Der Wechsel zwischen Tiefe und dem Kratzen an der Oberfläche spiegelt die Realität des Recherchierens wider. Nicht alles lässt sich rekonstruieren, manchmal gibt es konkrete Antworten, vieles bleibt Hörensagen. Denn Erinnerungen verfälschen sich, zwei Personen können ganz unterschiedlich von derselben Situation berichten. Die Wahrheit? Liegt irgendwo dazwischen.
Das erkennt auch die Protagonistin: „Und allmählich wird mir klar, dass ich nicht mehr mit einer Antwort rechnen kann. Und vielleicht ist das die einzig wahre Antwort: Es gibt keine.“
Über Schuld, Scham und Erinnerungslücken
Das gesamte Buch reflektiert über den Umgang mit der Vergangenheit, über transgenerationale Traumata, über die tiefen Gefühle, die ein Blick in die Vergangenheit weckt. Schmerz, Scham, Schuld, Frust, Wut und Liebe. „Weiße Flecken“ reflektiert über Schuld und Verantwortung, über Wegsehen und Zurechtrücken, über Unwissen und Unsicherheit.
Wie viel wollen wir tatsächlich von den schrecklichen Dingen wissen, die passiert sind? Wie viel Leid und Grausamkeiten wollen wir uns zumuten? Oder vielleicht doch lieber … wegsehen? Was darf man eigentlich noch wissen wollen? Was ist Privatsache? Und was ist gesamtgesellschaftliche Verantwortung? „Weiße Flecken“ wirft genau diese Fragen auf. Nicht nur mit Blick auf Kolonialismus, sondern auch auf die eigene Familiengeschichte. Die Erzählerin sucht Antworten – aber findet oft … nichts. „Das Dokument ist ein Schwindel. Es dokumentiert nicht. Die Mutter wird allein als Leerstelle sichtbar.“
Zur Autorin
Lene Albrecht, geboren 1986 in Berlin, hat Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder) und am Literaturinstitut Leipzig studiert. Sie ist Teil des Kollektivs „WRITING WITH CARE/RAGE“ und arbeitet als freie Lektorin, Journalistin und Moderatorin. Für „Weiße Flecken“ erhielt sie ein Recherchestipendium des Berliner Senats.
Katrin Lüdeke
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