Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren
Wie redet man mit Menschen, die keine Argumente mehr hören wollen – ohne selbst die Geduld zu verlieren? Hubert Schleichert zeigt in seinem Buch, wie man festgefahrenes Denken mit Logik, Humor und subversivem Denken aufbricht. Matt Barlow hat das Buch für uns gelesen.
© Foto: C. H. Beck/Fallon Michael/unsplash | Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren, Hubert Schleichert, Verlag: C. H. Beck, ISBN: 978-3-406-68627-6
Manchmal befindet sich man in einem Gespräch, bei dem man das Gefühl hat, dass es schnell aus dem Ruder läuft, und man das Gegenüber nicht mehr erreichen kann. Vielleicht scheint das Gegenüber sogar in einer ganz anderen Welt zu denken und sich zu bewegen. Und eine Position einzunehmen, die extrem und realitätsfern erscheint. Viele kennen solche Gespräche. Vor allem dank des größeren und diverseren Personenkreises, den man online findet, scheinen Diskussionen häufiger in unversöhnlichen Positionen zu enden.
Genau eine solche Dynamik hat Hubert Schleichert zu einem kleinen Buch inspiriert: „Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren: Anleitung zum subversiven Denken.“ In diesem Werk untersucht Schleichert zunächst die logische Argumentation, ihre Fallstricke und verschiedene unlogische Argumentationsfallen, in die man tappen kann. Dieser erste Teil ist vor allem für diejenigen interessant und nützlich, die daran interessiert sind, die Argumente von Personen des öffentlichen Lebens (z. B. Politiker*innen) kritisch zu prüfen.
Im nächsten Teil untersucht Hubert Schleichert Fundamentalismus und Fanatismus, bevor er sich im letzten Teil mit subversiven Methoden beschäftigt, die man anwenden kann, wenn man sich mit fundamentalistischem Denken auseinandersetzen muss. Seine wichtigste Empfehlung für subversives Denken besteht darin, sich ernsthaft mit der fundamentalistischen Perspektive auseinanderzusetzen und sie bis zu ihrem logischen Ende zu verfolgen. Explizit machen, was implizit ist. Oder, wie Schleichert es schreibt: „Man bringt die Einstellung des Gegners auf den Punkt, man macht explizit, welchen Grundsätzen er folgt.“
Dunkles hell, Implizites explizit machen
Das bedeutet nicht unbedingt, dass die*der Fundamentalist*in das Argument oder sogar das logische Ende ihres*seines eigenen Denkens anerkennt. Aber es macht deutlich, was verdunkelt ist und ebnet so den Weg für kritisches Denken. Der Autor räumt ein, dass der Weg zu einer kritischen Auseinandersetzung und Dekonstruktion des eigenen Fundamentalismus ein langer Weg ist. Als Teil dieses Prozesses empfiehlt er verschiedene Methoden, um „das Implizite explizit zu machen“, wie etwa den Einsatz von Humor.
Obwohl er sagt, dass seine Methoden im Zusammenhang mit jeder Form von Fundamentalismus angewendet werden können, verwendet Hubert Schleichert im Allgemeinen nur religiöse Beispiele. Und obwohl der religiöse Fundamentalismus das offensichtlichste Beispiel ist, wenn man das Wort „Fundamentalismus“ hört, gibt es tatsächlich noch andere Formen. Und hier finde ich seine Methoden für subversives Denken etwas unzureichend. Während ein*e religiöse*r Fundamentalist*in vielleicht dazu neigt, seine*ihre Position zu überdenken, wenn das Implizite explizit gemacht wird, bin ich mir nicht sicher, ob das Gleiche zum Beispiel für politischen Fanatismus gelten kann. So erleben wir beispielsweise in Europa eine rechtsextreme Bewegung, die sowohl die logischen Ziele ihres fremdenfeindlichen Denkens leugnet als auch diese Ziele im übertragenen Sinne mit einem Augenzwinkern begrüßt. Ich bin mir nicht sicher, ob subversives Denken funktioniert, wenn der*die Fundamentalist*in kein Schamgefühl für die logischen Ziele seines*ihres radikalen Denkens hat.
Dennoch denke ich, dass sich jeder Versuch lohnt, denn es ist ein langer Prozess, und die Wahrheit ist es wert, dass die Menschen für sie kämpfen und das Buch von Hubert Schleichert kann hierbei Denkanstöße liefern.
Matt Barlow
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