Wo ich (nicht) sein sollte
Was hat Klassismus mit Kirche zu tun? Eine ganze Menge, denn Klassismus durchzieht alle gesellschaftlichen Bereiche – oft unsichtbar für diejenigen, die nicht betroffen sind. Mit „Wo ich (nicht) sein sollte“ lenkt Sara Mari Blom den Blick auf eben jene ignorierten Stellen. Katrin Lüdeke hat das Buch für uns gelesen. Sie findet: Dieses Buch ist ein Muss.
© Foto: ruach.jetzt/Fallon Michael/unsplash | Wo ich (nicht) sein sollte, Sara Mari Blom, Verlag: ruach.jetzt, ISBN: 978-3-949617-84-3
Rassismus ist längst als strukturelles Problem anerkannt; es gibt öffentliche Debatten, Bewusstseinsarbeit, Gegenstrategien. Über Armut wird auch gesprochen, ja, aber trotzdem ist Klassismus ein Thema, das wenig Aufmerksamkeit erhält – vielleicht, weil es so eng mit Scham verknüpft ist. Sara Mari Bloms Text ist ein experimenteller Roman, irgendwo zwischen Lyrik, Belletristik, Sachbuch und Poetry. Der Einstieg ist ungewohnt, das Format durchbricht Erwartungen, aber das Buch entfaltet mit seiner ungeschönten Wahrheit schnell eine Sogwirkung. Es fühlt sich an wie ein intimer Einblick in die Gedankenwelt, die Erinnerungen und das Erleben der Autorin.
„Wo ich (nicht) sein sollte” changiert zwischen persönlichem Erzählen und gesellschaftlicher Analyse, zwischen Gefühl und Reflexion und zeigt ein bisschen von allem, denn Klassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Thema, das alle Bereiche durchzieht. Das Dazwischensein, weder hier noch dort hinzugehören, ist auch das zentrale Motiv des Buches. Bei diesem Buch, das sich so schwer in Kategorien einsortieren lässt – ist es ein Sachbuch, ein autofiktionales Tagebuch, ein biografischer Essay? –, begleiten wir Sara Mari Blom durch Orte der Scham und Beschämung, durch ihre ganz persönlichen Schamorte.
Intensiv, intim und intelligent
Es ist ein intimer Einblick: Sara Mari Blom legt Kapitel für Kapitel mehr von ihrem Innersten offen. Armut macht verletzlich – über Armut zu sprechen, noch mehr. Zwischendurch tauchen beinahe wissenschaftliche Reflexionen auf, die die nötige Distanz schaffen, ohne an Intensität einzubüßen. Die Rohheit der Gefühle bleibt spürbar – und hält Leser*innen immer wieder einen schonungslosen Spiegel vor, gerade in Bezug auf eigene Privilegien. Trotz der sehr persönlichen Einblicke wirkt das Buch nicht voyeuristisch. Im Gegenteil: Es ist eindringlich, wütend, verletzlich – aber nie verbittert. Die Autorin schreibt klar, präzise, fast nüchtern, mit einer Sprache, die durch ihre Schlichtheit trifft.
Das Buch folgt keinem klassischen roten Faden. Obwohl die Themen gut geclustert sind, wirkt es eher wie ein Irrweg durch ein inneres Labyrinth. Es fühlt sich an wie ein Kopfsprung direkt in Sara Mari Bloms Gedankenwelt. Auf 140 Seiten widmet sie sich auf persönliche Weise den verschiedenen Bereichen des Lebens – Arbeit, Bildung, Wohnen, Familie, Freundschaften, Konsum, Kirche. Und zeigt in aller Deutlichkeit: All diese Felder kosten Geld – und es ist nahezu unmöglich, mit wenig davon alles zu jonglieren. Für manche mag es nebensächlich sein, ob ausgelegte drei Euro zurückgezahlt werden – für andere ist es existenziell.
Für manche ist das Studium einfach nur ein weiterer Schritt im Bildungsweg, für andere ein Eintritt in eine fremde Welt, die nur mit Not bezahlbar ist. Und egal, welcher Weg gewählt wird: alles, was man tut, wird beschämt. Gleichzeitig beschämt für zu viel und zu wenig Arbeit, fürs Geldausgeben und Sparen, für die Zugehörigkeit oder das Fremdsein in einer Gruppe, beschämt fürs Schweigen und fürs Aufmerksammachen, beschämt für die bloße Existenz. Sara Mari Blom berichtet eindrücklich und mit Wucht von tiefen Gefühlen.
Von Scham zu struktureller Beschämung
Natürlich ist „Wo ich (nicht) sein sollte“ keine angenehme Lektüre. Es tut weh, von einer Scham zu lesen, die so übermächtig ist, so allgegenwärtig – und dabei oft irrational erscheint. Doch die Autorin macht deutlich: Diese Scham ist nicht individuell entstanden, sie ist strukturell erzeugt. Von Armut zu erzählen, heißt auch von Beschämung zu erzählen.
Im Verlauf des Buches verschiebt sich der Fokus: von persönlicher Scham hin zu einer scharfen Analyse von struktureller Beschämung. Es ist ein Erkenntnisprozess – für die Autorin, aber auch für die Leser*innen. Wer sich am Anfang innerlich sträubt, sollte weiterlesen. Und sich darüber hinaus weiter mit dem Thema beschäftigen.
Erfolgsgeschichte Bildungsaufstieg?
„Wo ich (nicht) sein sollte“ ist ein tiefemotionales Buch, das dabei schmerzhaft sachlich bleibt, und zeigt, dass Armut in unserer Gesellschaft nicht unsichtbar ist, sondern gemacht wird. Das Narrativ der Armut wird durch Geschichten von einzelnen Aufstiegserfolgen aufgehoben. Klassismus ist nicht die Bundesliga, es ist ein strukturelles Problem, das mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Ein Anfang, um den Elfenbeinturm der Ignoranz einzureißen, ist es, dieses Buch zu lesen.
Sara Mari Blom ist Künstlerin und Autorin. Sie beschäftigt sich mit Scham und Klassismus – und mit den Räumen, in denen soziale Unterschiede sichtbar oder spürbar werden. Besonders interessiert sie der Zwischenraum: Was passiert, wenn Menschen soziale Grenzen überschreiten – und welche Emotionen begleiten diesen Prozess? In ihrer Masterarbeit „shame space – emotional consequences of switching between milieus“ (Hochschule für Künste Bremen, 2023) untersuchte sie, wie sich Scham beim Bildungsaufstieg zeigt – und wie sich Räume aus und durch Scham gestalten lassen.
Katrin Lüdeke
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