Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah

Go Mani ist Mitte dreißig, unverheiratet und seit Kurzem arbeitslos – auf ganzer Linie gescheitert. „Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah“ ist kein Roman über Fleiß und Erfolg. Es geht um das Scheitern und über Stillstand, um Kindheitsträume und die Erwachsenenrealität, die einen völlig unbemerkt einholen kann. Es ist ein Buch über die Schattenseiten Südkoreas. Katrin Lüdeke hat es für uns gelesen.

Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah, Cho Nam-Joo, Verlag: KiWi, ISBN: 978-3-462-00809-8 © Foto: KiWi Verlag/Fallon Michael/unsplash | Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah, Cho Nam-Joo, Verlag: KiWi, ISBN: 978-3-462-00809-8

Go Mani wohnt mit ihrer Familie in einem der ärmsten Stadtteile von Seoul. Sie ist Mitte dreißig, unverheiratet und seit Kurzem arbeitslos – auf ganzer Linie gescheitert. Und daran ändert sich auch wenig. Mani blickt auf ihr Leben zurück, all das, was sie zu dem Punkt geführt hat, wo sie jetzt ist. Klingt spannend und erlebnisreich, aber Aufregendes passiert tatsächlich wenig. Die ganze Zeit wartet man darauf, dass etwas passiert, sich etwas zum Positiven verändert, dass sich Go Mani verliebt, einen tollen Job bekommt, aber stattdessen passiert … nichts.

„Manche Dinge änderten sich nicht in dieser Welt, die sich so rasend schnell veränderte. Fleißige und gewissenhafte Leute blieben weiterhin fleißig und gewissenhaft, und trotzdem blieben sie als arme Leute weiterhin arm.“

Manis Leben ist banal, geradezu langweilig – und vielleicht ist „Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah“ deshalb so faszinierend.

Eine wie viele

Es ist der dritte Roman der koreanischen Schriftstellerin Cho Nam-Joo, der auf Deutsch erscheint. Schon „Kim Jiyoung, geboren 1982“ war ein voller Erfolg, hat sich weltweit über zwei Millionen Mal verkauft und war auch in Deutschland ein großer Bestseller. Der Roman, der 2019 in Südkorea auf den Leinwänden lief, löste große Resonanz – und auch Proteste – aus. Das Thema: Die Rolle der Frau in der (koreanischen) Gesellschaft, im Patriarchat.

Auch in diesem Roman geht es um die Erwartungen, die an Frauen gestellt werden und was passiert, wenn diese nicht erfüllt werden. Mani ist Mitte 30 noch unverheiratet und wohnt bei ihren Eltern. Damit weicht sie vom Standardlebenslauf ab. „Mani“ bedeutet „viel/e“ in Koreanisch – ein sprechender Name? Ist Manis Schicksal eines, das viele betrifft, über das aber zu wenig gesprochen wird?

In Korea gilt es als Makel, mit über Dreißig noch unverheiratet zu sein, aber wirklich negative Konsequenzen erfährt Mani dafür nicht. Ihren Job verliert sie nicht deswegen, von Männern wird sie auf der Arbeit herablassend behandelt, weil sie eine Frau ist, nicht weil sie unverheiratet ist. Die Problematik, die mit Manis Ledigkeit einher geht, wird hier nicht konkret benannt. Mani leidet nicht darunter, unter der Gesellschaft und dem Leben hingegen schon.

Diese Abgestumpftheit, das Banale, das Gleichgültige dem eigenen Leben gegenüber fängt die koreanische Autorin Cho Nam-Joo auf prägnante Weise ein. Der hier eher fremde distanzierte Sprachstil irritiert manchmal, so wirkt die Beziehung zwischen Mani und ihren Eltern nicht sehr eng und eher wie eine Zweckgemeinschaft trotz der Vertrautheit, die durchschimmert.

Zwischen Distanz und Nähe

Und auch Manis Leben fühlt sich an, wie durch fremde Augen betrachtet. Die nüchterne, schlichte Sprache spiegelt die Emotionslosigkeit der Figuren wider, die Beziehung zu den eigenen Gefühlen ist schwer, eine Identifizierung mit Mani ist dadurch nicht leicht. Zugleich wird aber aus nächster Nähe von Tabuthemen erzählt – wie Manis erster Periode, von Magenverstimmungen und Übergeben. Der Roman bricht damit Tabus und die Erwartungshaltung auf, trotz solcher Distanz so intim zu werden.

Nachdem Mani ihren Job verloren hat, hält sie noch einen Moment daran fest, ihr Ansehen vor ihren Eltern zu wahren, und geht zur gewohnten Zeit aus dem Haus. Doch ihre Ziellosigkeit wird deutlich, so fährt sie wahllos mit der U-Bahn durch die Stadt – ein Symbol für ihre Perspektivlosigkeit und fehlende Lebensfreude. Der Roman verzichtet auf große Dramen und erzählt stattdessen von den leisen Momenten des Alltags und innerer Resignation.

Statt Manis Erwachsenenleben in den Mittelpunkt zu rücken, blickt der Roman immer wieder zurück auf ihre Kindheit und Jugend. Es scheint, als flöhe Mani selbst aus ihrem freudlosen Leben in ihre Erinnerungen.

Olympia in Seoul 1988, ansteckend für viele, so auch für Mani und ihre Freundinnen, die fortan Kunstturnerinnen werden wollen. Das Interesse ihrer Freundinnen versiegt mit der Zeit, aber Mani hält an ihrem Traum fest, leitet sich sogar ihr Name vom Nachnamen der rumänischen Kunstturnerin Nadia Comaneci ab.

Gescheiterte Träume als roter Faden

Durch die Förderung und Finanzierung ihrer Mutter kann Mani teuren Turnunterricht besuchen und sogar auf eine Privatschule wechseln, die ein gutes Sportprogramm bietet. Es ist ein Luxus, den Mani da genießt. Das Problem – sie hat kein Talent, zu spät angefangen – ihr Kindheitstraum scheitert schließlich an der Realität.

„Ich kenne keinen Erwachsenen, der seinen Kindheitstraum hätte verwirklichen können. Die Lehrerin aus dem Hagwon nicht, wahrscheinlich auch nicht die Trainerin in der Schule, und mein Vater und meine Mutter hatten, wenn ich auch nicht mit ihnen darüber gesprochen habe, früher bestimmt auch andere Träume gehabt. Auch ich bin eine der Erwachsenen, die ihren Traum nicht haben verwirklichen können. Vielleicht bedeutet Erwachsenwerden als solches, nach einem Scheitern sein Leben weiterzuleben.“

Auch die Hoffnungen ihrer Eltern auf ein besseres Leben, konnten sich nicht erfüllen. Manis Mutter, aus einer wohlhabenderen Familie stammend, wurde als Kind auch gefördert – ohne wirkliches „Talent“ für die schulische Laufbahn wurde sie von ihren Eltern schließlich auf eine Fachhochschule geschickt, in der Hoffnung, dass sich durch ihren Bildungsstatus ein Mann aus besserem Hause für sie finden lässt. Der Traum zerplatzt, als sie schwanger wird; nicht von einem Mitschüler, sondern von einem der Bauarbeiter, die an der Uni arbeiten.

Zwischen Armut und gesellschaftlichem Druck

Recht mittellos ziehen die Eltern Mani in einem der ärmsten Viertel Seouls auf, wo wirtschaftliche Not und traditionelle Erwartungen das Leben bestimmen. Immer wieder kommt Hoffnung auf, dass sich die Situation ändert. Es gibt Gespräche, den Stadtteil zu sanieren, neue Häuser zu bauen, alte Häuser werden geräumt, abgesperrt und zum Teil sogar abgerissen.

„Die roten Aufschriften auf den Hauswänden aber nahmen zu, bis dort kaum noch freier Platz übrig war. Abrissverbot! Schnauze! Vertreibt uns nicht! Hier leben noch Menschen! Worte, die in einer Ecke meines Herzens ein unbeschreibliches Schuldgefühl auslösten. Hier leben noch Menschen. So war es immer. Immer gab es irgendwo Menschen, und nie kümmerte es jemanden.“

Seoul ist eine Stadt extremer sozioökonomischer Ungleichheit, in der reiche und arme Gegenden direkt nebeneinander existieren. Die soziale Krise, die durch Filme wie „Parasite“ oder „Squid Game“ thematisiert wurde, hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Südkorea gelenkt. „Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah” reiht sich hier ein und richtet den Blick auf die Schattenseiten von Koreas Gesellschaft, auf diejenigen die unter Patriarchat und Armut leiden und auf Menschen, die zwar wenig Hoffnung haben, aber trotzdem an das Gute glauben.

Katrin Lüdeke


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